Interview: Sultans Court

Sultans Court im Interview – „Männer reagieren gereizt darauf, wenn sie andere Männer sehen die Eigenschaften aufweisen, welche von vielen als typisch weiblich betrachtet werden.“

Sultans Court im Interview - Fotocredit: Kelvin Buegler

Sultans Court im Interview – Fotocredit: Kelvin Buegler

Wir haben der Berliner Electro-Pop Band Sultans Court einige Fragen zu ihrem Projekt gestellt.

Wir haben Sultans Court einige Fragen zu ihrem neuen Release „Haunted“ gestellt. Es geht um „Toxic Masculinity“ und darum, wie wir mit der Männlichkeit umgehen.

Beantwortet von Konstantin (Gitarre, Musikproduktion) & Julius (Gesang, Musikproduktion)
Soundkartell Interview x Sultans Court

Stellt Euch doch mal in aller Kürze vor.

J: Konstantin und ich haben uns auf einer Mitfahrt zum MS Dockville kennengelernt und es war quasi musikalische Liebe auf den ersten Kilometer. Nachdem wir auf dem Festival zusammen von Konzert zu Konzert getigert sind stand für uns fest: wir müssen zusammen Musik machen. Dann haben wir uns regelmäßig in Konstantins Wohnung mit Mate und jeder menge Ideen eingeschlossen und unseren Sound entwickelt. Später kamen dann Markus (Keys) und Leander (Drums) dazu mit denen wir denen wir unseren Sound jetzt auch auf die Bühne bringen können. Nun sind sie fester Bestandteil unserer kleinen musikalischen Gemeinschaft.

Zu eurem neuesten Track “Haunted” gibt es ein Video, in welchem ihr die “Toxic Masculinity” aufgreift. Die Frage nach der Männlichkeit und der vermeintliche Zufluchtsort der Kirche für den Protagonisten, der sich dann als Falle herausstellt… wieso nehmt ihr hier bewusst diese Institution ins Visier?

J: Die Kirche war in der Vergangenheit oft ein Symbol der Zuflucht gleichzeitig aber auch einer Glaubensgemeinschaft, die Kreuzzüge zu verantworten hat. Die Kirche ist in Deutschland nicht mehr wahnsinnig relevant und wir fragen uns oft, wie heutzutage Glaube aussieht. Für mich ist Maskulinität auch eine Form von Glauben. Es gibt einen (Fitness-)Körperkult und entsprechende Idole auf Instagram, es gibt Ladculture und Pick-Up Artists und Filme die so geschrieben sind, dass sich Frauen in ihren Filmen erst gegen die sexuelle Belästigung des “Helden” wehren, nur um ihnen dann doch zu verfallen. Das hat den Glauben bestärkt, Frauen würden mit “Nein” “Ja” meinen. Eine reine Männerfantasie.

K: Die Kirche steht in unserer westlichen Kultur wie kein anderes Objekt für eine Gemeinschaft oder einen Kult. Die Symbolkraft der Kirche hat uns daher sehr angezogen, da wir hier eine Art “Männerkult” inszenieren wollten.

Inwiefern ist es euch schwer oder sogar eher leicht gefallen euch diesem Thema vor allem mit der Bildebene anzunehmen?

J: Ich glaube es ist unmöglich so ein komplexes Thema in wenigen Minuten zu erzählen. Vorrangig ging es uns darum aus der Perspektive des Opfers für andere Cis-Männer sichtbar zu machen.Schwierig war dabei nicht in Gefahr laufen, zu sehr mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, andererseits aber auch nicht zu Abstrakt zu werden. Außerdem wollten wir choreographisch eine Konfrontation mit Männern, die das weibliche fürchten in anderen Männern.

K: Einige Männer reagieren gereizt darauf, wenn sie andere Männer sehen die Eigenschaften aufweisen, welche von vielen als typisch weiblich betrachtet werden. Zum Beispiel Zärtlichkeit, Mitgefühl, lange Haare oder enge Kleidung. Dieses für sie ungewohnte Bild und die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit kann dazu führen, dass diese dann aggressiv, beleidigend oder ignorant werden, um ihre Unsicherheit zu kompensieren.

Wenn man so von außen durch das was in den Medien beschrieben wird auf diesen Kreis von elitären Männern aufmerksam gemacht wird, welches Gefühl macht sich da in euch breit?

K: Es ist schwer das genau zu beschreiben. Einerseits fühlt man sich als Mann selbst angesprochen und ich fühle mich etwas unwohl in Anbetracht der Ungleichheit. Das kann dann zu Frustration führen, da ich nicht mit diesem elitären und überheblichen Teil der Männer in einen Topf geworfen werden will. Es fällt mir schwer dafür Worte zu finden, da ich für meinen Teil ja auf Gleichberechtigung aus bin. Das Problem ist glaube ich, dass einem als Mann oftmals gar nicht auffällt, in was für einer privilegierten Position man eigentlich ist, bis man anfängt Dinge zu hinterfragen. Ich denke dass es wichtig ist, dass man sich diesen Zustand oft vor Augen hält und nicht versucht sich aufgrund seines Geschlechts einen Vorteil in der Gesellschaft zu verschaffen.

Sultans Court im Interview - Fotocredit: Kelvin Buegler

Sultans Court im Interview – Fotocredit: Kelvin Buegler

Wenn ich jetzt als Zuhörer von dieser Story um euren Song weiß und den Song das erste Mal höre, erwarte ich eigentlich eine ziemlich düstere Nummer. Etwas äußerst brachiales und zerbrechliches zugleich. Inwiefern brecht ihr mit den anfänglichen Sounds im Laufe des Songs?

K: Ich bin ein großer Fan von Hip-Hop Beats und ich liebe den Moment, wenn nach einem ruhigen Intro auf einmal Schlagzeug und Bass einsetzen und der Beat einen mit voller Wucht packt. So ähnlich verhält es sich glaube bei Haunted. In der Strophe passiert harmonisch und melodisch relativ wenig und der Song lebt hier eher von der Atmosphäre. Wenn dann im Refrain der verzerrte Bass kommt und die Drums reinknallen fühlt es sich für mich immer so an, als wenn “eine Welle bricht”. Im Grunde genommen bauen wir zuerst eine Spannung auf, die sich anschließend mit voller Kraft entlädt.

J: Ich glaube auch, dass unsere Musik vom Gegensatz lebt: Fragile Momente in Verbindung mit einem Gitarren Brett. Wir mögen beide Extreme gleichermaßen, deswegen versuchen wir immer beides unterzubringen.

Und welche Bedeutung hat dieser Bruch im Song, wenn wir uns nochmal das Grundthema vergegenwärtigen?

K: Wenn wir Songs schreiben, fangen wir eigentlich immer erst mit der Musik an. Bevor es Texte gibt denken wir uns auch erstmal eine Gesangsmelodie aus. Wir experimentieren viel und lassen uns von unseren Emotionen treiben, ein großes übergeordnetes Konzept gibt es eigentlich nie. Wenn der Song dann musikalisch einigermaßen fertig ist gehen wir tief in uns rein und überlegen, was er bei uns auslöst. Daraufhin schreiben wir dann die Texte und das Konzept für das Musikvideo kam erst ganz zum Schluss. Die ganze Idee zu dem Thema ist also andersherum entstanden, nämlich dass uns die Musik dazu bewegt hat uns diesem Thema zu widmen. Der zentrale Aspekt in unserer Arbeit ist immer die übergreifende Emotion die im Gesamtwerk ausgelöst wird.

J: Musik ist ja bekanntlich Therapie. Das ist bei uns nicht anders. Wenn ich beginne Gesangsmelodien zu finden, achte ich immer vorrangig auf die Melodie und nicht auf den Text. Meist sind das dann Sprachfetzen, Fragmente manchmal ganze Sätze. Später höre ich mir das genau an und schaue was mein Unterbewusstsein mir da sagen wollte. Die geben uns dann meist schon das Leitthema des Songs vor. Der Rest kommt dann immer ein bisschen wie von selbst.

In welche Richtung würdet ihr euch gerne mit euren Songs noch bewegen?

K: Das Schöne ist, dass wir von Anfang an viel experimentiert haben und alle möglichen Einflüsse zugelassen haben. Wir dachten uns nicht, dass wir ein bestimmtes Genre machen wollen, sondern wollten unseren eigenen Sound finden. Das hat dann auch mindestens ein Jahr gedauert bis dieser einigermaßen greifbar wurde. Dementsprechend fühlt sich es gerade wie eine Spielwiese an, bei der alles erlaubt ist. Wenn du mich nach einer Richtung fragst würde ich sagen, dass es sich um eine Reise handelt, in der wir stetig neue Eindrücke sammeln und verarbeiten, bei der der Weg das Ziel ist und wir selbst nicht genau wissen wo das enden soll.

J: Es war ein langer Weg den eigenen Sound zu finden, jetzt haben wir ein Fundament geschaffen auf dem wir aufbauen können. Für mich ist das aber eher ein Ausgangspunkt für neues. Gerade sind wir beide große Fans von Downbeat, das war seit langem mal wieder Musik, die uns berührt hat. Da wollen wir uns mal austoben. Und ich höre oft zum runterkommen bulgarische Frauenchöre. Auch das soll mehr einfließen.

Wie geht es jetzt für Euch im Sommer weiter, es steht eine EP an, richtig?

J: Erstmal folgt eine weitere Single Anfang Juni mit dem Namen “Shutdown”, dann kommt kurz darauf unsere Debut EP “From Afar”. Weiterhin schauen wir, dass wir dieses Jahr noch ein paar Konzerte und Support-Shows spielen können. Nebenbei schreiben wir schon für das Album, was nächstes Jahr erscheinen soll.

 

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