Im Interview: Pohlmann

Soundkartell: Du bist ja jetzt schon über die 40 Jahre hinaus. Man sagt ja auch, dass es einem im fortgeschrittenen Alter ja immer schwerer fällt z.B. eine neue Sprache oder ein Instrument zu lernen. War das dann auch für dich nicht schwer, du sagtest ja, dass dir ein paar Songs anfange nicht gefallen haben.

Pohlmann:
Ja ich habe halt den Stein des Anstoßes gegeben, das alleine zu machen und Sachen zu Hause zu produzieren und habe da dann gemerkt wie oft ich früher meine Sachen oft in die Hände des Produzenten gegeben habe und der so seine kleinen Vorstellungen hatte und man vergisst manchmal, dass man da zum Teil sieben Stunden im Fragezeichen-Modus am Computer gehangen hat. Sounds ausprobiert hat, Filter drauf gelegt hat, Filter wieder weggenommen hat, Loops drauf gelegt hat…Das Ganze nimmt so viel Zeit in Anspruch und ja, das war dann in Spanien, sitzt da mit seiner Band und der Produzent fängt an an den Tracks zu bauen. Das Schwierige daran war das Aushalten, das Warten, bis über elektronische Prozesse Ergebnisse kamen. Das ist als Musiker in einer Band schwierig, die Instrumente in die Hand zu nehmen, einen Song runterzuspielen bis er funktioniert und dann wird er aufgenommen. Das war eben teilweise ein anderer Weg und genau das war das Schwierige, als dann die Betten sozusagen fertig waren und wir dann da drauf gespielt haben, dann erst fängst du wieder an zu leben. Und ansonsten, um neue Wege zu gehen, um das zu können, muss man sich verhalten wie ein Kind. Also man muss sich wundern können, nie in alten Wegen verharren. Das macht keinen Spaß. Man muss sich neu erfinden und das ist die Energiequelle. So bleibst du immer jung und machst Musik bis was weiß ich wann.

Soundkartell: Wie nah sind denn dann bei dir die zwei Prozesse sich musikalisch weiterzuentwickeln, also dann auch HipHop Beats einzuarbeiten…

 

Pohlmann gastiert in München; Credit: Muffatpresse

Pohlmann in München; Credit: Muffatpresse

 

Pohlmann:
(unterbricht) Ich hab ne Slidegitarre drauf gepackt. Das ist auch so eine neue Sache!

Soundkartell: Ich meine, elektronische Beats einzubauen ist ja jetzt nicht die neueste Idee, denn andere Bands haben diesen Schritt auch bereits gewagt und sich dem allgemeinen Misch-Masch angepasst…

Pohlmann:
Das kann sein! Ich bin derzeitig auch beeinflusst von Musikern, die ich gut finde und was Mainstream ist und was nicht ist mir dann auch immer egal. Ich finde: entweder ist es gut oder eben nicht. Wenn das viel Erfolg hat ist mir das scheißegal. Wenn ich etwas gut finde, ist mir das egal, ob das auch Erfolg hat. Wenn ich jetzt etwas gut finde, das Erfolg hat und ich lasse mich davon inspirieren, ist mir das auch egal. Zu der Zeit als Clueso seine erste große erfolgreiche Platte raus hatte, war ich inspiriert davon. Natürlich habe ich das auch irgendwo in meinem Hirn mit aufgenommen. Und selbst wenn ich jetzt immer noch Bands wie Faith No More geil finde, findest du da Inspirationen von ihnen. Du wirst auch auf der Platte Sammlungen hören, die von denjenigen so noch niemand gemacht hat oder eben Sachen hören, wo du dir denkst, oke, da ging er in die Richtung wie das derzeit alle so machen.

Soundkartell: Jetzt ist es ja so, dass du früher Metal geshört hast und danach viel mit Jazz zu tun hast…

Pohlmann:
Ich habe nie Metal gehört! Ich war in einer Band, die mir gesagt hat, wir wären eine Grunge-Band. Aber die Jungs waren alles Metaler! (lacht) Ich war 25, die waren 35 und wir haben alle auf Bands Peal Jam, Faith No More oder Soundgarten gestanden. Die Jungs waren ja alle älter als ich und kannten natürlich auch alle Metallicaö-Hits! (lacht)

Soundkartell: Wenn wir jetzt mal auf den Song „Fenster Zur Welt“ kommen, fällt auf, dass du da ziemlich viel Sprechgesang drauf hast. Darin arbeitest du viel mit Reimen. Hat sich dein Songwriting auch verändert?

Pohlmann:
(überlegt) Ich schreibe halt Gedichte. Das war ein Gedicht, das ich später dann nachher auf dieses Loop, das ich da gebastelt habe drauf gelegt habe. Und es war ein Thema, mit dem ich umgehen wollte. Es war nur für mich die Frage, ob ich die ganzen Worte auch singen will, also Singer-Songwriter Gesang wie immer oder ob es nicht geiler wäre, das so ein bisschen HipHop mäßiger drauf zu zimmern. Das passte dann sehr gut. Ich habe da dem Fluss des Wasser nachgegeben und das war dann ganz geil so.

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Soundkartell: Dadurch lässt du doch aber Einflüsse zu, wie gerade deine Stimmungslage ist.

Pohlmann:
Ja, genau! Das sind Faktoren wie ein Lied entsteht. Aber es wird auch viel ausprobiert. Es ist nicht so, dass ich ein Lied in einem Gewand aufnehme und dann bleibt es darin. Es gibt von vielen Liedern drei, vier, fünf Versionen. Manchmal nimmt man auch ein Lied auf und merkt dann auf der Tour live “Ok, bei der Aufnahme da fehlt ein bisschen was”. Jetzt fängt das Ding erst an zu leben. Und daran scheiden sich auch viele Musiker. Eine geile Idee ist, egal wie man`s finanziert, egal wie man`s macht: Ins Studio gehen, die Demos aufnehmen, zu Songs machen. Dann in den Proberaum gehen, die Songs einspielen, dann auf Tour gehen, das Zeug lernen und dann nochmal ins Studio gehen. Das ist ein geiler Weg, aber eben auch teuer. Also Band ist das leichter, da teilen sich alle das Vermögen und den Verlust. Und als Solokünstler zahlst du die ganz Zeit nur Gage.

Soundkartell: Welcher ist denn aktuell dein Track, den du immer noch gern auf Tour spielst?

Pohlmann:
(überlegt) Ehm, also aktuell unterwegs “Von Weit Weit Her” mag ich immer noch sehr gerne live. Aber bei dem Song wie “Wenn jetzt Sommer Wär” und die Leute meinen und fragen “Hat er denn da noch Bock drauf den zu spielen?” Also alleine zu Hause habe ich keinen Bock mehr den zu spielen. Aber wenn die Leute dann bei dem Song immer noch vor der Bühne stehen und darauf tanzen…man teilt ja immer mit ihnen einen emotionalen Raum und ist nur Vermittler der Musik.

Soundkartell: Machst du dich jetzt mit der neuen Musik, da sie ja auch elektronisch ist nicht abhängiger auf der Bühne?

Pohlmann:
Nein! Wir machen uns nicht abhängig von der Technik. Es gibt keinen Trigger, der durchläuft. Das habe ich früher mal gehabt, vor Pohlmann und das war grausam. Ich habe keinen Bock an einer Leine zu hängen wo es dann heißt: Jetzt muss der Refrain kommen, weil das elektronische Gerät jetzt eben gleich im Refrain ein paar Beep Beeps abspielt. Die triggert der Drumer, und wenn er die vergisst ist es auch egal. Die Elektronik kann ausfallen, die Band funktioniert immer.

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Soundkartell: Letzte Frage: Auf welches Phänomen hättest du endlich eine Antwort?

Pohlmann:
Hm, das kapiere ich jetzt nicht. Du meinst den Sinn des Lebens oder?

Soundkartell: Ja, genau!

Pohlmann:
Denn darauf führt sich ja alles zurück. Egal wo man anfängt nachzudenken, wenn man weiter denkt, kommt man immer an den Punkt, an den Urknall. Verursacher. Der unbewegte Beweger. Ne, also ich glaube nicht, dass wir dazu gemacht sind. In diesem Status, den wir gerade haben, sind wir als Menschen für eine Antwort nicht ausgerüstet. Es ist auch gut so. Also ich bin nicht wirklich gläubig, aber ich glaube der beste Schachzug Gottes ist, sich zu verstecken. Wenn wir wüssten, dass das Leben einen Sinn hat und wenn wir wüssten, dass es einen Gott gibt, dann würden wir ein wahnsinnig chaotisches Leben führen. In der Bibel ist ja noch dieses Sicherheitsprotokoll “Selbstmord ist Sünde” eingebaut, falls die Leute dann doch auf die Idee kommen könnten, dass es im Paradies schöner ist als hier. Ich glaube, dass ist auch auf aller meiner Platten spürbar und zwar dieses Prinzip: sich wundern und das Leben nicht alltäglich zu nehmen. Was mich auch total berührt ist die evolutionäre Geschichte, die mich immer wieder auf mich selbst zurückschmeißt, was guckt da eigentlich aus meinen Augen? Die Samurai z.B. sehen es als höchste Aufgabe in ihrem Leben, dem Tod gelassen entgegen zu treten. Und das tut keiner von uns! Also ich selber bin ja der größte Jammerlappen. Deswegen ja auch so ein Song wie “Atmen”, denn über den Tod nachzudenken, mit dem Tod tagtäglich umzugehen, der uns existentiell mehr oder weniger einrahmt, nämlich vor dir war nichts und nach dir ist nichts und dazwischen bist du und hast die Möglichkeit in die Welt zu gucken. Das ist für mich eine nicht versiegende Quelle des Staunens.

Danke für das ausführliche Interview!

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