Album “Exorcism“ von Jenny Wilson

Jenny Wilson Album „Exorcism“ Rezension

Jenny Wilson Album "Exorcism" Rezension

Jenny Wilson Album „Exorcism“ Rezension

Silke Knauer hat sich für Euch in das neue Album „Exorcism“ von Jenny Wilson reingehört.

Es gibt wirklich selten Musik , für die ich keine Worte finde oder es mir sehr schwer fällt, darüber zu schreiben. Es gibt “einfache“ Musik, die sich schnell einordnen lässt und wozu mir sofort eine Idee kommt. Manchmal muss ich das Album oder das Lied hundertmal hören, aber dann passiert irgendwann etwas in mir und ich weiß, was ich schreiben möchte. Natürlich gibt es auch Musik oder Künstler, die einem nicht so zusagen und ich mit mir ringen muss, aus mal etwas negatives zu schreiben, weil ich finde, dass die Künstler das nicht verdient haben. Sie haben ihr eigenes Werk geschaffen und sie haben ihre Gründe dafür und sie haben meistens sehr viel Mühe darin investiert. Aber man muss auch mal sagen, dass es nicht den eigenen Geschmack trifft.

Sehr schwer war für mich damals das letzte David Bowie Album. Ein so großer Künstler, gerade von uns gegangen und dann dieses grandiose Werk. Das hat viele Stunden in Anspruch genommen aber es hat auch wahnsinnig viel Spaß gemacht. Doch hier lag von Anfang an alles anders. Eine Single mit dem Titel “Rapin‘“. Eine Frau, die ihr Inneres nach Außen kehrt, die mutig genug ist, der Welt zu erzählen was ihr passiert ist und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Keine ruhige Scheibe, auch nicht depressiv, sondern ein musikalisches Genuss-Werk mit den unterschiedlichsten Songs, die alle das Thema “Vergewaltigung“ behandeln. Mir fiel sofort die “Me too“-Kampagne ein, die seit Monaten die Medien bestimmt. Es ist ein Tabu-Thema und zugleich doch so präsent. Ich habe lange überlegt, ob ich etwas dazu schreiben möchte oder kann, bis ich die Platte so oft gehört hatte, dass mir klar war, dass man sie nicht nur auf das Thema beschränken darf.

Jenny Wilson hat hier ihr zweites Album veröffentlicht. 2013 hat sie mit “Demand the impossible!“ drei schwedische Grammys eingeheimst und das “Album des Jahres“ zu ihrem eigenen gemacht. Und nun kommt sie 5 Jahre später mit dem zweiten Werk, komplett selber produziert und über ihr eigenes Label veröffentlicht! Das nenne ich eine steile Entwicklung, Ehrgeiz und vor allem Unabhängigkeit. Aber vielleicht hat sie gerade die Verarbeitung dieses schlimmen Erlebnisses, eines sexuellen Übergriffs auf sie selbst, dazu veranlasst, sich unabhängig ihrer Musik zu widmen und sich durchzukämpfen und verdammt nochmal zu sagen, was so etwas mit einem Menschen und seiner Seele anstellt.

Die erste Auskopplung des Album ist das Video zu der Single “Rapin‘“. Es ist ab 18 und man muss sich mit seinem google-Konto anmelden, damit man es sich ansehen kann. Das ist gut und richtig so. Ich habe das getan und fand das Video nun nicht verstörend aber es ist sofort klar, worum es geht. Das Video ist gezeichnet, das finde ich richtig gut. Es sind viele Farben und verwobene Formen, die ihre Geschichte erzählen. Jenny lässt nichts aus. Mit Textzeilen wie: “What happen after this, he made me do this things, my mind was drifting off, drifting off…“ “Two days later I couldn’t speek, I couldn’t sleep, I couldn’t find out how to be me…“ zeigt sie textlich und bildgewaltig, was mit einer Seele passiert, wenn ein Fremder Mensch, einem schreckliche Dinge angetan hat. Der Song selber kommt mit viel Elektro und klarer, lauter Stimme daher. Sie lässt uns ihren Schmerz und ihre Verzweifelung spüren und das macht sie so kraftvoll, wie es nur geht. Allein dieses Video hat mich lange beschäftigt. Textzeilen, die mir immer wieder in den Kopf gesprungen sind, so unfassbar und doch so gute Musik.

Jenny Wilson Album "Exorcism" Rezension

Jenny Wilson Album „Exorcism“ Rezension

Als ich mir die gesamte CD dann das erste Mal angehört habe, war ich sehr angetan von ihrer Vielfältigkeit, von ihrer Präsenz und den verschiedenen Einstellungen dieses unfassbare Thema zu ver- und bearbeiten. Jenny Wilson findet auf den unterschiedlichsten Wegen und Worten einen Zugang zu diesem Themas und lässt einen zuhören! “Rapin‘“ macht auch den Einstieg in dieses Album, gefolgt von Songs wie Lo’Hi‘, gesanglich ein ganz anderer Kosmos. Hoch steigt Jenny ein und spacig wird das Thema als eine Moskitofalle beleuchtet, aus der sie nicht mehr heraus kam. Mein Favorit ist das Lied “It Hurts“. Eine ruhige Nummer, unaufgeregt, die ganz sacht anfängt, sich langsam steigert und nach fast 2 Minuten eine Wende erfährt, die mich direkt geflasht hat. Ein 80er Jahre Pop-Synthie-Gemischt bringt einen mega Sound, der mich richtig mitgehen lässt. Textlich ist dieses Album das krasseste was ich jemals gehört habe.

Dieses persönliche Thema aus so vielen Perspektiven zu beleuchten und trotz der Subjektivität einen objektiven Blick darauf zu werfen ist sowas von unvorstellbar. Jenny Wilson muss soviel darüber nachgedacht haben, dass sie alle Gefühle wie Hass, Wut, Verzweifelung und die daraus entstehenden Fragen beleuchtet hat und in diesem Album verarbeitet hat. Aber dazu noch zu jedem Text die passende Musik zu bringen, spricht von einer unvorstellbaren Stärke.

Der Titelsong “Exorcism“ beginnt laut und düster, schneller Gesang und klare Ansagen: “I Promise to remind you and make sure you will regred it. I am ready for this fight!…“ Der Kampf soll nicht ihr Problem sein “I am ready any time!“ Das Album ist mit neun Lieder bestückt, die vom leichten Elektro-Pop über Techno zum Indie alles abdecken. Das Thema ist klar, die Stimme spielt alle Facetten durch, die sie zu bieten hat.

Zum Schluss möchte ich noch “It’s love (and I’am scared) vorstellen. Ein feinfühliges, ruhiges Liebeslied, mit dem man nicht rechnet. Aber auch die Liebe begegnet einem wieder, trotz schrecklicher Erlebnisse. Der Umgang damit ist sanft verarbeitet in einem traurigen Song, über die Angst vor dieser Liebe.

Ich wusste von Anfang an nicht, was ich sagen oder schreiben soll. Dafür sind viele Worte zusammen gekommen. Musikalisch ist dieses Album ein Elektro-Schatz. Im Bewusstsein des Themas vielleicht noch viel mehr. Aber viel wichtiger ist mir Jennys Botschaft: Wenn einem Menschen so etwas angetan wird, wird die Seele demoliert und der Heilungsprozess dauert verdammt lange. Das Lied “Forever is  a long time“ schließt diese Platte ab und gibt die Hoffnung, aber auch die Ansage, dass es niemals wieder gut wird, aber vielleicht hilft doch die Liebe “Babe, gonna stay with me, Babe through the darkness, stay with me. Babe, can you promise me, it’s gonna be alright….“

I hope so!

Live ist sie in Berlin am 26.04.2018 im Ritter Butzke. Am 23.03.2018 erscheint das Album, hört es Euch an!

Das Album könnt ihr Euch direkt hier bestellen!

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