Feature: Seán Feeny „Galactic Tides“
Feature Seán Feeny „Galactic Tides“
Seán Feenys Debütalbum Galactic Tides erschien am 6. Februar 2026 und wirkt schon in seiner Konzeption weniger wie ein klassisches Erstwerk als vielmehr wie die verdichtete Erzählung eines ganzen Lebenswegs. Zwischen Irland und Deutschland aufgewachsen, zwischen Donegal und Kevelaer sozialisiert, schreibt Feeny über Heimat nicht als festen Ort, sondern als Bewegung – als etwas, das sich ständig verschiebt, verliert und wieder neu zusammensetzt. Genau diese Spannung zieht sich durch alle zehn Songs des Albums: Folk-Erzählkunst trifft auf cineastische Weite, persönliche Erinnerung auf kollektive Geschichte.
Feeny beschreibt selbst, dass es keinen einzelnen Auslöser für dieses Album gab, sondern eine langsame Erkenntnis: dass die eigenen Songs längst ein zusammenhängendes Narrativ bilden. Themen wie Migration, Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit tauchten immer wieder auf, gespeist aus Familiengeschichten und der eigenen Biografie zwischen zwei Kulturen. Galactic Tides wurde so zu einer Art innerem Kompass – einer Suche nach Ort und Bedeutung in einer Welt, die sich ständig bewegt. Der titelgebende Song „Galactic Tides“ verdichtet diese Idee besonders eindrücklich. Die „Gezeiten“ stehen hier nicht nur für Naturkräfte, sondern für jene unsichtbaren Bewegungen, die Leben formen: Migration, Verlust, Liebe, Herkunft. Dass Feeny seine Musik als „Folk-Songs, die sich als Pop-Arrangements verkleidet haben“ beschreibt, wird hier besonders greifbar. Traditionelle irische Erzählmuster öffnen sich in eine kosmische Bildsprache, in der Sterne und Küstenlinien, Galaxien und Straßen ineinander übergehen.
Ein zentrales emotionales Rückgrat des Albums bildet „1969“ – ein Song, der persönliche und historische Perspektiven miteinander verwebt. Die Hochzeit seiner Eltern fällt hier zusammen mit den Nachrichten über die Apollo-Mission und den Beginn der Troubles in Nordirland. Diese Gleichzeitigkeit von Hoffnung und Konflikt, von Liebe und politischer Unruhe, wurde zum Ausgangspunkt eines der persönlichsten Stücke des Albums. Dass Feeny den Song am Hochzeitstag seiner Eltern veröffentlichte, unterstreicht seine emotionale Tiefe zusätzlich.
Auch die Zweiteilung des Albums in Low Tide und High Tide folgt dieser Logik der Bewegung. Während die erste Hälfte stärker von Unsicherheit, Verlust und Entwurzelung geprägt ist, öffnet sich der zweite Teil zunehmend Richtung Hoffnung, Aufbruch und Resilienz. Songs wie „Wild Geese“, „Tír Mór“ oder „Western Roads“ spiegeln diese Übergänge zwischen inneren und äußeren Landschaften wider. Der abschließende Track „Human“ führt diese Reise schließlich zu einem ruhigen Zentrum zurück: der Erkenntnis, dass Zugehörigkeit letztlich weniger eine Frage von Ort als von Menschlichkeit ist. Auch klanglich ist Galactic Tides stark von seiner Umgebung geprägt. Die Küstenlandschaften Donegals, das Meer, lange Schreibphasen zwischen Atlantikwind und Studioarbeit – all das fließt in die warmen, atmosphärischen Arrangements ein. Produziert gemeinsam mit Orri McBrearty und erweitert durch Musiker:innen aus Donegal, entsteht ein Sound, der tief in der irischen Folk-Tradition verwurzelt ist, sich aber bewusst in Richtung moderner, filmischer Popästhetik öffnet. Einflüsse von Clannad, Moya Brennan, Glen Hansard oder Van Morrison treffen hier auf cineastische Inspirationen à la Ennio Morricone oder zeitgenössische Indie-Acts.
Trotz dieser stilistischen Weite bleibt das Album stets geerdet in einer sehr persönlichen Perspektive. Feeny spricht offen darüber, dass er lange gezögert hat, eigene Musik zu veröffentlichen – erst die Erkenntnis, dass diese Songs miteinander verbunden sind, brachte den entscheidenden Schritt. Galactic Tides ist damit auch ein Werk des Ankommens: nicht unbedingt an einem geografischen Ort, sondern im eigenen künstlerischen Ausdruck. Am Ende steht ein Debüt, das gleichzeitig intim und universell wirkt. Es erzählt von Menschen, die gehen und zurückkehren, von Identitäten, die sich über Grenzen hinweg formen, und von der leisen Hoffnung, dass all diese Bewegungen irgendwo in ein Gefühl von Heimat münden können. Oder, wie Feeny selbst es beschreibt: als unsichtbare Kräfte, die uns durch Trauer, Erinnerung und Liebe lenken – und uns am Ende vielleicht genau dorthin bringen, wo wir hingehören.
Galactic Tides wirkt wie ein sehr persönliches Album über Herkunft, Bewegung und Zugehörigkeit. Gab es während des Schreibprozesses einen Moment, in dem dir klar wurde, dass dieses Debüt mehr geworden ist als „nur“ eine Sammlung von Songs?
Seán Feeny: „Musik war schon sehr früh meine größte Leidenschaft, aber wie bei vielen Menschen kamen irgendwann Studium, Beruf und das „vernünftige Leben“ dazwischen. Trotzdem war Musik immer präsent. Ich habe immer wieder geschrieben, kleinere Dinge aufgenommen und auch auf großen Bühnen in Irland gespielt, allerdings nie wirklich eigenes Material veröffentlicht. Viele der Themen und Geschichten auf Galactic Tides begleiten mich eigentlich schon seit meiner Jugend. Der Wunsch, ein eigenes Album zu machen, war also sehr lange da. Es gab keinen einzelnen dramatischen Moment, sondern eher eine stille Erkenntnis: Wenn ich meine eigenen Songs jetzt nicht ernst nehme, werde ich es vielleicht nie tun. Als die Songs nach und nach entstanden, wurde mir schnell klar, dass sie alle miteinander verbunden sind. Immer wieder tauchten Themen wie Migration, Erinnerung, Zugehörigkeit, Identität und Heimat auf. Dadurch fühlte sich das Album irgendwann weniger wie eine lose Sammlung einzelner Songs an und mehr wie eine zusammenhängende Reise. Vielleicht hängt das auch mit meiner eigenen Geschichte zusammen. Ich bin als Sohn irischer Eltern in Kevelaer geboren und zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Dieses Gefühl, gleichzeitig irgendwo dazuzugehören und doch immer leicht dazwischenzustehen, steckt wahrscheinlich in fast jedem Song des Albums.“
Der Titeltrack „Galactic Tides“ verbindet etwas sehr Intimes mit einer fast kosmischen Bildsprache. Was bedeutet diese Metapher der „Gezeiten“ für dich persönlich – und warum war sie der perfekte Titel für das Album?
Seán Feeny: “ Galactic Tides war für mich auf vielen Ebenen der richtige Titel. Musikalisch spiegelt der Song wahrscheinlich am besten wider, was ich mit dem Album erreichen wollte: traditionelle Folk-Erzählungen mit einem modernen, atmosphärischen Sound zu verbinden. Ich beschreibe meine Musik oft als „Folk-Songs, die sich als Pop-Arrangements verkleidet haben“. Thematisch geht es im Song um Emigration, Orientierungslosigkeit und die Suche nach Zugehörigkeit. Ich wollte klassische Motive irischer Folk-Musik nehmen und sie in eine größere, fast universelle Bildsprache übertragen. Deshalb tauchen im Song Sterne, Galaxien und kosmische Bilder auf. Die „Gezeiten“ stehen für diese Kräfte, die uns durchs Leben ziehen – Migration, Familie, Erinnerung, Liebe oder Verlust. Viele Menschen leben heute zwischen Kulturen, Sprachen und Orten. Dieses ständige Hin- und Herziehen, innerlich wie äußerlich, fühlt sich manchmal wie Ebbe und Flut an. Gleichzeitig steckt darin aber auch Hoffnung. Denn Gezeiten bringen einen irgendwann auch irgendwohin – zu einem Ort, zu Menschen oder zu einem Gefühl von Heimat. Genau deshalb wurde Galactic Tides letztlich auch zum Titel des ganzen Albums.“
Besonders spannend ist die Zweiteilung des Albums in Low Tide und High Tide. Wie hast du entschieden, welche Songs zu welcher emotionalen „Strömung“ gehören?
Seán Feeny: „Ich hatte von Anfang an die klassische A- und B-Seite einer Schallplatte im Kopf. Low Tide bildet die erste Hälfte des Albums, High Tide die zweite. Die Songs auf Low Tide beschäftigen sich stärker mit Unsicherheit, Verlust, Angst und dem Gefühl, irgendwo festzustecken oder entwurzelt zu sein. Stücke wie Galactic Tides, Wild Geese oder Tír Mór tragen diese Stimmung sehr stark in sich. Im zweiten Teil verändert sich die emotionale Richtung. High Tide ist hoffnungsvoller. Dort geht es eher um Veränderung, Aufbruch, Resilienz und darum, trotz allem weiterzugehen. Songs wie Vámonos, Western Roads oder 1969 spiegeln das wider. Das Album endet schließlich mit Human. Dieser Song bringt die zentralen Themen des Albums zusammen: Herkunft, Identität, Zugehörigkeit und die Erkenntnis, dass uns am Ende mehr verbindet als trennt.“
In Songs wie „Western Roads“ oder „Wild Geese“ beschäftigst du dich stark mit Migration, Erinnerung und Heimat. Welche Rolle spielt Irland heute für dich als Songwriter – eher ein konkreter Ort oder inzwischen fast schon ein emotionales Gefühl?
Seán Feeny: „Irland bedeutet mir alles. Ich bin ein sehr stolzer Ire, meine Eltern kommen beide aus Irland, und die irische Kultur, Musik und Geschichte haben mich von klein auf geprägt. Aber gleichzeitig bin ich eben auch in Deutschland geboren und aufgewachsen. Kevelaer war meine Heimat, und ich bin genauso stolz darauf, dort groß geworden zu sein. Dieses Leben zwischen zwei Welten hat meine Sicht auf Heimat stark geprägt. Deshalb ist Irland für mich heute beides: ein konkreter Ort und gleichzeitig ein emotionales Gefühl. Natürlich spielen Landschaften, Sprache und Geschichte eine große Rolle in meinen Songs, aber oft geht es eigentlich um etwas Universelleres – um Zugehörigkeit, Erinnerung und die Frage, wo man seinen Platz findet. Vielleicht sehe ich Irland deshalb nicht nur romantisch oder nostalgisch. Für mich steckt darin auch Bewegung. Viele irische Familien kennen Geschichten von Auswanderung, Rückkehr oder dem Leben zwischen verschiedenen Orten. Diese Erfahrungen sind tief in meiner Musik verankert.“
Der Song „1969“ wirkt wie ein zentrales Stück des Albums, gerade weil dort persönliche und historische Perspektiven zusammenfließen. Kannst du erzählen, wie dieser Song entstanden ist und warum gerade diese Geschichte erzählt werden musste?
Seán Feeny: “ Vielen Dank, das bedeutet mir wirklich viel, weil 1969 wahrscheinlich der persönlichste Song ist, den ich je geschrieben habe. Über meinem Schreibtisch hängt die Titelseite der Irish News vom 11. August 1969 – dem Tag, an dem meine Eltern geheiratet haben. Die Zeitung wurde ihnen damals von meinem Großonkel geschenkt. Als ehemaliger Journalist habe ich diese Seite immer wieder betrachtet, und irgendwann begannen die Schlagzeilen in meinem Kopf fast musikalisch zu wirken. Dort standen gleichzeitig Meldungen über die Apollo-Mission, Hoffnung und Fortschritt – aber eben auch über Gewalt und den Beginn der Troubles in Nordirland. Diese Gleichzeitigkeit von Liebe und Chaos hat mich sehr bewegt. Irgendwann wurde mir klar, dass daraus ein Song werden musste. Nicht nur als Hommage an meine Eltern, sondern auch an die Generation, die damals versucht hat, mitten in Unsicherheit und Konflikten ein Leben aufzubauen. Ich habe den Song am Hochzeitstag meiner Eltern veröffentlicht, und wenige Tage später lief er erstmals auf RTÉ Radio 1. Das war ein unglaublich emotionaler Moment für mich und meine Familie. Vielleicht ist 1969 deshalb auch das Herzstück des Albums geworden – weil dort persönliche Geschichte und kollektive Erinnerung direkt aufeinandertreffen.“
Dein Sound verbindet klassische Folk-Traditionen mit cineastischen Arrangements und moderner Produktion. Hattest du beim Schreiben bestimmte Bilder, Filme oder Landschaften im Kopf, die den Klang von Galactic Tides beeinflusst haben?
Seán Feeny: “ Absolut. Landschaften und Orte spielen für mich beim Schreiben eine riesige Rolle. Viele dieser Songs sind praktisch zwischen dem Atlantik, den Landschaften Donegals und den Erinnerungen an meine Zeit in Deutschland entstanden. Mein Produzent Orri McBrearty und ich haben über Jahre hinweg gemeinsam an diesen Songs gearbeitet. Unsere Sessions begannen oft mit einem Sprung ins Meer am Marble Hill Beach, viel Kaffee und dann einfach dem Drücken auf „Record“. Das Meer, die Küstenlandschaften und diese raue Offenheit Donegals haben definitiv die Atmosphäre des Albums geprägt. Musikalisch gab es viele Einflüsse. Künstler wie Moya Brennan, Clannad oder Glen Hansard, die tief in der irischen Tradition verwurzelt waren und gleichzeitig die irische Musik in neue Richtungen und auf die internationale Bühne gebracht haben, waren für mich immer eine große Inspiration. Sie haben gezeigt, dass man seine Herkunft und musikalischen Wurzeln bewahren kann und trotzdem kreativ neue Wege geht und einen modernen, eigenen Klang entwickelt. Gerade Moya habe ich nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Mensch sehr bewundert. Ich hatte das große Glück, sie im Laufe der Jahre persönlich kennenlernen zu dürfen und sie als Freundin bezeichnen zu können – etwas, das ich immer in Ehren halten werde. Ihr kürzlicher Tod war eine sehr traurige Nachricht, und meine Gedanken sind in dieser Zeit besonders bei ihrem Mann Tim sowie ihren Kindern Paul und Aisling. Moya war eine absolute Legende der irischen Musik, deren Stimme und Ausstrahlung Menschen auf der ganzen Welt berührt haben – auch in Deutschland, wo die Musik von Clannad über Generationen hinweg geliebt und geschätzt wurde. Gleichzeitig habe ich aber auch viel War On Drugs, Fleetwood Mac, Van Morrison, Arcade Fire, Ennio Morricone, Daft Punk oder Maggie Rogers gehört. Besonders Morricone hat mich wahrscheinlich in dieser cineastischen Art beeinflusst, Räume und Bilder musikalisch entstehen zu lassen. Trotz all dieser Einflüsse kamen die Songs immer wieder auf ihre eigentlichen Grundpfeiler zurück: Geschichte, Ort und Emotion. Das war immer der Anker. Am Ende wollte ich ein Album machen, das sich gleichzeitig geerdet und weit anfühlt – wie eine Reise zwischen Folk-Tradition, Pop und filmischer Atmosphäre. Zum Abschluss empfinde ich vor allem große Dankbarkeit. Ich habe dieses Album über viele Jahre hinweg mit mir getragen, und es bedeutet mir unglaublich viel, dass die Songs nun ihren Weg in die Welt gefunden haben. Die Reaktionen auf die Musik haben mich ehrlich überwältigt – besonders auch die vielen Nachrichten aus Deutschland von Menschen, die ich teilweise seit Jahren nicht gesehen habe, die sich aber die Zeit genommen haben zuzuhören und mir zu schreiben. Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Am dankbarsten bin ich meiner Frau Amanda und unseren Kindern Sarah und Seán Óg. Ohne ihre Liebe, Geduld, Unterstützung und Ermutigung hätte ich dieses Album niemals fertiggestellt. Musik braucht Zeit, Energie und oft auch Vertrauen von den Menschen um einen herum – und genau das haben sie mir immer gegeben. Ebenso bin ich meinen Eltern, Seán und Kathleen, unglaublich dankbar. Viele der Geschichten, Werte und musikalischen Einflüsse, die sich durch Galactic Tides ziehen, haben ihren Ursprung in meiner Familie und in dem Zuhause, das sie für uns geschaffen haben. Ohne sie gäbe es dieses Album in vielerlei Hinsicht nicht. Ein besonderer Dank gilt außerdem meinem Produzenten und Freund Orri McBrearty, ohne den dieses Album musikalisch niemals das geworden wäre, was es heute ist. Und natürlich danke ich auch allen Musikerinnen, Musikern und kreativen Wegbegleitern, die Teil von Galactic Tides geworden sind. Dieses Album ist zwar sehr persönlich, aber es ist gleichzeitig aus vielen Freundschaften, Begegnungen und gemeinsamen Momenten entstanden. Tief in mir war diese Musik wahrscheinlich schon immer da – sie hat nur ein paar Jahre gebraucht, um ihren Weg nach draußen zu finden.“
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