Review: Tom Emlyn

Songwriter Tom Emlyn aus Wales

Walisischer Songwriter Tom Emlyn; Fotocredit: Billy Stillman

Mit Passing Craze veröffentlichte Tom Emlyn am 15. Mai 2026 bereits sein sechstes Soloalbum innerhalb von vier Jahren – und trotzdem klingt dieses Werk weniger nach Routine als nach einer bewusst offenen Spurensuche durch Vergangenheit, Erinnerung und kreative Unruhe. Entstanden ist das Album ursprünglich als Abschlussprojekt des Produzenten Evan Collett an der Musikhochschule DBS in Bristol. Doch aus einigen wiederentdeckten Songfragmenten, alten Demos und längst vergessenen Ideen entwickelte sich schnell weit mehr als nur ein Uni-Projekt: Passing Craze wirkt wie ein musikalisches Tagebuch zwischen Lo-Fi-Folk, psychedelischem Bedroom Pop und melancholischer Selbstreflexion.

Die Songs beginnen oft reduziert – doppelte Akustikgitarren im Geiste von Elliott Smith, fragile Melodien und intime Arrangements. Doch je weiter sich das Album entfaltet, desto stärker öffnet sich Emlyns Klangwelt. Analoge Synthesizer aus den 70ern, experimentelle Gitarrenspuren, Harmonika, Banjo-Bow-Effekte und verrauschte VHS-Texturen erschaffen eine warme, leicht verwitterte Atmosphäre, die gleichzeitig nostalgisch und traumartig wirkt. Besonders Tracks wie „Miss Understood“, „Your Dishes“ oder „Burning the Candle“ leben von diesem kontrollierten Chaos aus Schönheit und Zerfall.

Dabei erzählt Passing Craze keine lineare Geschichte, sondern bewegt sich vielmehr durch Zustände: Träume, Selbstzweifel, Verlust, Delusion und das langsame Zusammensetzen der eigenen Fragmente. Emlyn beschreibt selbst, dass sich das Album irgendwann anfühlte, als würde es „von irgendwo anders diktiert“. Genau dieses intuitive, fast geisterhafte Moment zieht sich durch die gesamte Platte.

Tom Emlyn gehört ohnehin längst zu den spannendsten Stimmen der walisischen Indie- und Psych-Folk-Szene. Vom BBC Radio Wales bereits als „peripatetic musical genius“ bezeichnet, verbindet er Folk, Garage Rock, Ambient, Blues und poetisches Songwriting zu einer eigenwilligen Handschrift. Seine Musik wirkt oft wie eine psychedelische Kartografie Südwales’ – voller lokaler Geschichten, schräger Figuren und melancholischer Beobachtungen. Mit Passing Craze gelingt Emlyn vielleicht sein bislang geschlossenstes Werk: ein Album, das bewusst unfertig, menschlich und suchend bleibt – und gerade dadurch seine größte Stärke entwickelt.

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