Gerard – Blausicht: Wer war nochmal Casper?

Gerard – Blausicht: Wer war nochmal Casper?

Gerard macht Casper mit seinem neuen Album Konkurrenz; Credit: Kidizin Sane

Gerard macht Casper mit seinem neuen Album Konkurrenz; Credit: Kidizin Sane

Etwa genau ein Jahr ist es her, als das Soundkartell sich mit dem Raper und HipHop Künstler Gerard auf dem Reeperbahn Festival gesprochen hat. Schon damals arbeitete er an seinem neuen Album “Blausicht”. Letzte Woche war es dann soweit und Gerard konnte sein neues Werk veröffentlichen.

Manchmal kommt alles ganz anders als man denk / Manchmal ist dieses Anders auch gut. Dass es so kam hatte Gerard wohl selbst kaum geplant. Letztes Jahr, bei Regenschauern und klammer Kälte sprach er bereits von seinem neuen Album, spielte am Tag zuvor auch ein paar neue Tracks bei seinem Konzert auf dem Reeperbahn Festival. Doch, dass es so lange dauerte bis sein neues Album “Blausicht” erschien, erwartete er selbst kaum. Seit letzten Freitag ist die Platte nun im Handel erhältlich und nach einer Woche ziehen wir vom Soundkartell auch Bilanz über die 14 Tracks. Gerard hat gegen Ende des Jahres kurz vor dem Erscheinen des neuen Casper Albums eine beträchtlich hohe Messlatte gelegt, über die Casper nur mit Mühe drüber kommen könnte.

Irgendwie sind wir immer noch geflashed vom bis dahin besten deutschssprachigen Album des Sommers von OK KID. Im April trafen die drei Musiker aus Gießen genau den Nerv unserer Zeit. Gut ein halbes Jahr später führt Gerard diese Gespür weiter. Ein bisschen ist es so, dass wir OK KID den Sommer über hören können und spätestens dann, wenn sich die ersten Nebelschbänk über das Land hängen, die Tage kälter und kürzer werden packen wir “Blausicht” in den CD-Spieler.

Gott sei Dank, wir überleben den Winter. Die Stile von OK KID und Gerard ähneln sich in gewisser Weise, doch Gerard führt den HipHop dort weiter, den sich die Gießener vielleicht nicht getraut haben zu gehen. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir auf dem Album mit “Atme Die Stadt” ein Feature mit OK KID hören können.

Vor Release des Albums standen Tracks wie “Standby”, “Manchmal” und “Lissabon” schon länger im Netz. Die neuen Tracks, die wir vorher noch nicht hören konnten wirken erfrischend, da wir uns im Vorfeld von den anderen Tracks etwas statt gehört hatten. “Wie Neu” ist so ein neuer Track, dessen Lyrics und Beats auf ganzer Linie überzeugen. Gerard rechnet darin mit unserer Generation ab, die wie paralysiert wirkt, da sich nicht wehrt. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Konsum, aber nicht, worum es in unseren tagtäglichen Berichterstattungen wirklich geht.

Die Beats sind im Vergleich zu seinen älteren Songs deutlich elektronischer geworden. Dieser Prozess war schon zuvor in den Singles zu erkennen. Die Stimmung ist zudem auch deutlich düsterer. So pendeln sich die Songs je nach Text zwischen demütiger Sicht auf uns als Menschen und unserem Handeln und Scheitern im Alltag ein. Gerard schafft HipHop auf höchst anspruchsvollen und auch intellektuellem Niveau, ohne auch nur eine einzige Sekunde belehrend sein zu wollen.

Gerard mit neuem Album im Gepäck; Credit:Kidizin Sane

Gerard mit neuem Album im Gepäck; Credit:Kidizin Sane

Der einzige Makel den die Titel von Gerard haben, ist der, dass wir sie vermutlich nicht in geselliger Runde spielen können. Zunächst sei die Empfehlung an jeden, der das Album besitzt und es sich kaufen will, sich die Tracks zunächst alleine anzuhören. Nur so ist es möglich die Lyrics und Melodien regelrecht aufzusaugen. Ähnlich wie bei OK KID versucht der Wiener durch seine Lyrics noch mehr den Nerv des Zuhörers zu treffen. Teils wirken die Songs wie “Nichts” dadurch wie ein überaus intimer Einblick in das sentimentale (Innen)Leben Gerards. Dieser Einblick wird uns zwar gewährt, überträgt sich aber gleichzeitig auch auf uns. Schon sind wir mitten drin im Dickicht und der emotionalen Gischt. Mitten im realen Drama unserer modernen Welt.

Lange haben wir auf das Album von Gerard nun warten müssen und wurden immer wieder von neuem Material von ihm gefüttert. Geradezu meisterlich scheint nun auch der Zeitpunkt des Releases gewählt, denn wer weiß wie das Album aufgenommen worden wäre, wäre es zeitgleich mit Caspers neuen Album erschienen. So marschiert Gerard einen Schritt voraus, schafft es seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und legt mit spitzbübigem Lachen die Latte für Casper vor. An dieser darf sich Casper nun messen lassen und sollte sich nun wahrlich warm anziehen in diesen Tagen. Würde er an der Messlatte Gerards scheitern, wäre das anders als im Sport alles andere als peinlich, sondern ein verdienter Sieg für Gerard.

Um am Ende zum Interview zurück zu kommen: Im Interview sprach Gerard auch darüber, dass ihn die Rolle als Schüler mittlerweile sehr genervt habe und sie ablegen möchte. Nach einem Jahr können wir mit guter Gewissheit sagen, dass er mit “Blausicht” nun endlich sein Diplom geschafft hat. Mit Sternchen. Glückwunsch.

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