Im Interview: Selig

Selig Interview – „Wir sind uns noch treuer geworden.“

Selig im Interview

Selig im Interview

Silke Knauer hat vor dem Gig in Hannover die Band Selig zum Interview getroffen.

Als mein Lieblingskollege Wolfgang sich die Selig Rezension für das neue Album “Kashmir Karma“ geschnappt hat, war ich für ca. eine Sekunde richtig eifersüchtig. Die Band meiner Jugend und dazu die Band, die unser Leben eigentlich immer begleitet hat. Ich habe Selig vor ca. 20 Jahren in Hildesheim im kleinen “Vier Linden“ live gesehen und ihr Zauber sprang direkt auf mich über. Wo sind nur 20 Jahre hin? Naja… als ich dann noch hörte, dass Wolfgang einen Interviewtermin mit Selig in Hannover bekommt, habe ich einfach versucht mich mit einzuklinken. Ich brauche Interviewerfahrung! Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Also bekam Wolfgang einen Termin am Nachmittag.

Tja, als arbeitende Bevölkerung, die Musikmeldungen schreiben als schönes Hobby betreibt, kann natürlich kein Mensch am Nachmittag – außer mir! Schwupps die Wupps stand also fest, dass ich das Interview mit Selig alleine führe! Neee Leute, so war das nicht gedacht. Ich habe noch nie ein Interview geleitet und nun gleich Selig als Sprung ins kalte Wasser? Gott sei Dank konnte ich meine liebe Kollegin Julia dafür gewinnen mitzukommen und Fotos zu machen. So hatte ich starke seelische Unterstützung. Also habe ich mich am 28.11.2017 um 15 Uhr ins Capitol in Hannover begeben und habe eine super nette Crew und eine tiefen entspannte Band kennen gelernt. Ich hoffe das Interview gefällt Euch:

Silke Knauer: Ich bin ein Fan der ersten Stunde und habe Euch das erste Mal vor 20 Jahren im „Vier Linden“ in Hildesheim gesehen. Das war total klasse. Heute Abend spielt ihr hier im „Capitol“ in Hannover. Es sind beides eher kleine Locations und damit eher Fan-nah und familiär. Legt ihr da besonderen Wert drauf?

Jan: Es ist eigentlich egal, ob du Rock am Ring vor 80.000 Leuten spielst oder nur vor 100 Leuten. Hauptsache ist, dass die Energie von der Bühne auch über das Publikum rüber geht, also durch die Wände durch des Clubs/des Festivals, so dass die Schwingungen noch außerhalb des Geländes zu spüren sind.

Silke: Und da ist es Euch egal, wie viele Leute “dazwischen stehen“. Hauptsache ihr bringt den Vibe rüber?

Christian: Ich mag es auch total gerne in ganz kleinen Clubs zu spielen. Wir haben mal mit „Im Bett mit Selig“ im Molotow in Hamburg gespielt. Das ist mit 200 Leuten mega voll. Das war eine tierische Erfahrung.

Silke: Das ist ja auch was ganz anderes dann – das ist ja wirklich richtig Fan nah und ganz dicht dran!

Christian: Ja, manchmal ist das dann auch intensiver, weil es eben so nah ist.
Jan: Und es fühlt sich auch tatsächlich so an, dass man vor kleineren Gigs – wir haben jetzt auch auf dem Reeperbahn-Festival in so einer Art Pub gespielt – viel aufgeregter ist. Ich glaube es kann gut sein, dass die Band umso aufgeregter ist, je kleiner die Masse ist.
Stephan: Das ist irgendwie auch ein bisschen anonym, wenn so ein großer Graben vor der Band ist und dort viele Leute stehen, die alle irrsinnig weit weg sind. Das schafft einfach eine andere Distanz.

Silke: Das ist auch meine Erinnerung an das Konzert im Vier Linden damals. Es war klein und heimelig und gar nicht vergleichbar mit den großen Konzerten heutzutage und dann steht man sehr anonym in der Masse. Und das finde ich bei Euch sehr gut, dass ihr weiterhin in kleineren Locations unterwegs seid.

Silke: 20 Jahre Selig, das heißt natürlich auch schon mindestens zwei Generationen Fans, die dahinter stehen. Ich war neulich auf einer Feier und dort konnten sogar die 20-Jährigen Eure alten Songs mitsingen.

Jan: Die 20 Jährigen? Wir sind Volksgut geworden!

Silke: Wir erklärt ihr Euch diesen neuen Hype um Eure Band und das tiefe Band zu den älteren Fans?

Jan: Ich denke mal, dass unsere Musik keine Modeerscheinung ist in dem Sinne. Wenn wir nach Inhalten suchen und diese verbinden mit Ton, ruft das dann tatsächlich Emotionen hervor, die jeder Mensch mit sich trägt. Wir haben auch ganz viele Kinder als Fans und das Lieblingslied der Kleinen ist tatsächlich „Wir werden uns wieder sehen“. Das können so viele Kinder mitsingen. Für sie ist das, als ob der Onkel eine Geschichte erzählt.

Silke: Ja, die Kinder können so etwas gut mitnehmen. Mein Sohn singt Eure Platte gerne mit (weil ich sie ja die ganze Zeit höre).

Christian: In Magdeburg war ein 9/10-Jahre altes Mädchen, die stand auf einer Art Erhöhung und hat getanzt und hat alles mitgesungen!
Jan: Ich versuche aber tatsächlich auch bei den Texten so zu schreiben, dass ich Worte benutze, die nicht gerade so Hip sind. Ich versuche das die Texte mindestens 7 Jahre durchhalten, weil ich jeden Abend damit auf die Bühne gehe um authentisch zu sein. Und das dann in schöne Melodien verpackt. Ich bin ein großer Fan von Nirvana. Wenn man die Lieder von Nirvana so hört, ohne den Punk dahinter, dann sind das alles Kindermelodien.
Christian: Ja, total!
Jan: Ich persönlich gehe auf Konzerte, weil ich mitsingen will und schöne Melodien singen will und schöne Wörter haben will.

Silke: Mit dem Grunge werdet ihr ja auch ganz oft in Verbindung gebracht und das passt ja dann auch total zu dem was du sagst!

Jan: Ja, das war ja auch unsere Welle in den 90ern. Obwohl wir eigentlich angefangen haben und uns als Retroband gesehen haben. Wir haben Led Zeppelin gehört, Deep Purple Videos gesehen und Jimmy Hendrix ist gefressen worden von Christian! Wir haben in Spiegelsälen von befreundeten Ballettstudios geprobt und so Posen von den alten Heroen einstudiert. Und dann kam nach unserer ersten Platte diese Grunge-Welle und das hat uns auch wahnsinnig gehieft diese Bewegung. Und ich glaube aber auch, dass es damals an der Zeit lag. Die Grunge-Bands sind eigentlich wahnsinnig gut Musiker aus Seattle gewesen, die kein Bock hatten auf diese Blues-Jam-Session und dann einfach den Big-Muff dazugenommen haben und für Aufbruch und Freiheit gesungen haben und diese Zeit beschrieben haben. Und so war das bei uns eigentlich auch. Wir sind Teil der Bewegung.
Selig im Interview

Selig im Interview

Silke: Die aktuellen Rezensionen sagen alle „Selig bleiben sich treu“ was denkt ihr darüber. Wolltet ihr das so oder ist das einfach Selig und Euer Musikstil?

Stephan: lacht – wir können ja nichts anderes!
Jan: Ich geh sogar weiter und sag wir sind uns mit dieser Platte sogar noch treuer geworden. Wir haben viele Experimente gemacht seit der Blender-Platte, die eigentlich ein bisschen minimalistisch war.
Christian: Ja, wir haben auch elektronische Sachen ausprobiert…
Jan: Und wir haben eigentlich immer beim Zeitgeist ein bisschen geklaut und sind so durch verschiedene Ebenen gegangen. Und diese Platte ist jetzt ohne Produzenten und Techniker entstanden. Was man da hört ist die pure selige Essenz und ich glaube das wir auf dieser Platte unserem Wesen wieder am nächsten gekommen sind.

Silke: Das aktuelle Album habt ihr ohne einen Produzent aufgenommen?

Jan: Ja, deswegen gab es da nichts weiter außer unseren vier Meinungen und deswegen ist es auch wirklich so pur Selig geworden.
Christian: Die Alben “Unendlich unendlich“ und “Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ haben wir auch ohne Produzenten gemacht. Zum dritten Album “Magma“ haben wir mit Stephen Power – das ist der Robby Williams Produzent – aufgenommen. Das war sehr nett. Er ist ein lustiger psychedelischer Landlord, sehr englisch und sehr lustig! Aber das Album ist so ein bisschen glatt geworden.

Silke: Ich habe gelesen, dass ihr Euch damals mit einem Produzenten zusammengetan habt. Wann kam die Trennung?

Christian: Nein, wir sind nach Schweden gefahren, haben uns vom Management getrennt, haben keinen Plattenvertrag mehr und sind völlig vogelfrei. Das einzige was wir noch haben ist das Booking, weil wir uns mit denen sehr gut verstehen. Wir sind nach Schweden gefahren, um zu gucken was uns so einfällt, was noch so da ist. Und das war sehr entspannt. Jans Frau hatte die Idee, weil sie dort ein Haus hat. Und das ist das Beste was uns passieren konnte. Es war so so schön dort!

Silke: Ja, das hört man ja auch! Aber jetzt hast du auch schon fast meine nächste Frage beantwortet. Als Fan waren mir auch immer mehr die alten Lieder im Kopf und die neueren Alben waren nicht so ganz meins. Aber das ändert Kashmir Karma jetzt wieder und ich denke, dass geht nicht nur mir so. Was ist der Unterschied zu den vorherigen Alben?

Christian: Ja, das ist das was Jan gerade gesagt hat. Weil wir nur zu Viert waren, haben wir die ganze Zeit geforscht. Wir haben ganz viel gejammt, ganz viel geredet, sind viel spazieren gegangen. Wir haben viel Sightseeing gemacht und z.B. die Schlucht von Ronja Räubertochter angesehen. Wir haben also alles gemeinsam gemacht und erlebt, gemeinsam gekocht und mit dem Vibe haben wir unsere Musik gemacht, deshalb ist es so innig geworden.

Silke: Ihr habt also wirklich zusammen gelebt dort. Wie lange wart ihr denn dort?

Jan: Fast ein Jahr.
Stephan: Fünfmal 10 Tage, also 50 Aufnahmetage und danach nochmal zum fotografieren. Wir waren fast jeden Monat da. Aber zwischendzrch waren wir immer wieder zu Hause und das war auch schön. Weil wenn wir das jetzt alles am Stück aufeinander gehockt hätten, wäre es sehr anstrengend geworden. Und so hatte man immer drei/vier neue Sachen, konnte diese auf dem nach Hause Weg hören, und dann hat man sich immer tierisch gefreut wieder dort hinzufahren und weiterzumachen.
Selig im Interview

Selig im Interview

Silke: Das Musikfernsehen ist tot. Dafür gibt es jetzt viele neue Kanäle. Facebook, Instagram, Youtube etc. Wer kümmert sich bei Euch darum und welcher Kanal ist für Eure Band am wichtigsten?

Jan: Ja, also wir saßen in Schweden und haben uns Gedanken darüber gemacht. Wir sind eine andere Generation. Wie schaffen wir es dieses “Social Media“ zu bewältigen? Aber dann kam uns die Idee, dass wir einfach Spaß daran haben müssen. Wir dürfen es nicht zu Ernst nehmen. Es ist wie eine Litfaßsäule für uns. Es ist eine tolle Werbeplattform und man kann es mit Sachen füllen, die nicht zu konzipiert sind, sondern die innerhalb von drei Stunden entstehen und das kommt dann direkt von uns. Und wir sollten das auch als unseren Kanal benutzen und dann hat es plötzlich tatsächlich wahnsinnig viel Spaß gemacht. Jetzt ist es richtig Routine geworden, dass wir nach jedem Gig ein Foto aussuchen und das posten um Danke zu sagen.

Silke: Ich habe schon ein paar Live-Mitschnitte auf Facebook gesehen. Das ist für die Fans sehr nah dran und wird glaube ich gerne genommen.
Jan: Ja, so nutzen wir das. Instagram könnten wir noch ein bisschen mehr, Snapchat machen wir nicht, weil wir dann nur noch vor dem Bildschirm hängen würden.

Stephan: Einen You-Tube-Kanal haben wir auch aufgemacht und erstmal alles zusammengesammelt, was wir so im Archiv hatten und haben uns wirklich Mühe gegeben nach all dem Jahren wo wie das haben schleifen lassen. Als wir noch ein Management hatten, haben die uns immer gesagt, dass wir da was machen müssen. Als das dann weg war, war dann gar nicht mehr, weil uns keiner mehr in den Hintern getreten hat. Jetzt haben wir gesagt, wir machen hier gerade eine neue Platte und die Welt muss davon erfahren!
Christian: Das gute ist, dass man es selber gestalten kann. Ich bin da immer so ein bisschen zwiegespalten. Die Mystik einer Band (heute sind sie in der Stadt, heute sieht man sie endlich mal) hat sich dadurch total gewandelt. Du bist quasi immer dabei. Was wir nicht machen ist unser Frühstück zu fotografieren! Jetzt haben wir einen ganz guten Weg gefunden. Wichtig ist auf jeden Fall Facebook, weil wir dort direkt kommunizieren können, z.B. „Hallo, wir spielen heute in der Stadt, kommt doch vorbei!“ oder einfach ein neues Video posten. Die Arbeit dafür ist wichtiger geworden als das was die Plattenfirma macht an Werbeaktionen (fast).

Ich bedanke mich bei Selig für das sehr nette Interview und ich wünsche noch viel Erfolg mit dem neuen Album “Kashmir Karma“ und der dazugehörigen Tour!

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