Rezension: TOCOTRONIC – “Die Unendlichkeit“

Das neue Werk von Tocotronic „Die Unendlichkeit“

Tocotronic neues Album "Die Unendlichkeit" - Fotocredit: Michael Petersohn

Tocotronic neues Album „Die Unendlichkeit“ – Fotocredit: Michael Petersohn

TOCOTRONIC feiert Silberhochzeit und Redakteurin Silke Knauer durfte zuhören. Autobiografisch und musikalisch wertvoll.

Das 12! Album! So etwas wie eine Autobiografie einer großen deutschen Band, die 25 Jähriges feiert. Silberhochzeit! Jeder könnte jetzt sagen: „Na, das passt doch. Klingt logisch!“ Aber eben nicht für TOCOTRONIC. Sie wollten das nie, dieses Zur-Schau-Stellen des eigenen Lebens. Es begann mit einem Versuch und dann haben sie Gefallen daran gefunden und das Ding durchgezogen.

Dirk von Lowtzow findet auch etwas wie Ehrlichkeit dahinter, sie haben sich diesmal nicht hinter Manifesten, Theorie-Referenzen und Formalismus versteckt. Sehr schön verarbeitet sind die verschiedenen Lebensphasen, die natürlich auch unterschiedlich klingen müssen. Sogar das hat die Band umgesetzt. Und auch hier wieder – Ja, es sind TOCOTRONIC und diese Freiheitsdenker haben diesmal ein Thema umgesetzt und es ist das wichtigste Thema, welches uns alle betrifft: Das LEBEN. Es geht um die Kindheit, das Aufwachsen, die Liebe, das Scheitern, die Band, die Einsamkeit und den Tod. Sie geben uns das volle Programm an die Hand. Es geht um nicht weniger als um Alles!

Mal Hand hoch, wer erkennt sich in den Texten wieder? Ist es nicht vollkommen normal, dass man sich in autobiografischen Texten auch als Hörer wiederfindet, weil man auch diese Lebensphasen durchlaufen hat. Jeder war mal einsam, jeder mal verliebt und jeder war mal Kind. Die Gefühle, die TOCOTRONIC mit ihrer Musik und Ihrem Gesang übertragen, lassen sich einfach nachempfinden und mitfühlen. Wir fühlen also die 25 Jahre TOCOTRONIC mit und kommen jedem einzelnen Bandmitglied so nah wie nie zuvor. Nach dieser langen Zeit nochmal das Leben aufzurollen, und den Menschen, mit denen man seit über zwanzig Jahren auf der Bühne steht, das Innere nach Außen zu kehren ist sowas wie “noch einen draufsetzen“. Soulstriptease einer Band.

Es ist ein Album, was man mit seinen besten Freunden teilt. Ein Bier dazu trinkt und über alte Zeiten sinniert. Zuhört, wie es den anderen so ging und Gemeinsamkeiten findet. Das perfekte Lied dafür ist “Electric Guitar“. Ich habe es sofort in mein Herz geschlossen und freue mich auf das nächste Wochenende mit meinen Freunden, dann ist das Album veröffentlicht und wird einen schönen Abend begleiten. “Ich erzähle Dir alles und alles ist wahr, Electric Guitar!“ Was doch so ein Musikinstrument mit einem Jugendlichen anstellen kann, es öffnet Welten und Phantasien. Eine wunderbares Stück über die Jugend, in der man sich einsam fühlt, sich selbst entdeckt und gesehen werden will von anderen und natürlich auch über die Liebe.

Tocotronic "Die Unendlichkeit" Rezension - Fotocredit: Michael Petersohn

Tocotronic „Die Unendlichkeit“ Rezension – Fotocredit: Michael Petersohn

TOCOTRONIC gehen “Stückweise“ durch die einzelnen Lebensphasen und geben uns viel Preis. Es war bestimmt nicht einfach für den Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow die Lebensphasen und Lebensereignisse der anderen Bandmitglieder – Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug) und Rick McPhail (Keyboard, Gitarre) in Worte zu fassen. Umso erstaunlicher klingt dieses Jubiläumsalbum. Genauso verschieden wie die Lebensphasen sind, bedienen uns TOCOTRONIC mit unterschiedlichen Liedern, gefühlt passend ausgewählt. Texte und Musik sind eins. “Ich lebe in einem wilden Wirbel“ kommt wild daher, ungestüm mit lauter Gitarre und schnellem Text über die erste große Liebe und das fliegen über die Dörfer – die wilde Seite der Jugend halt. “1993“ fängt verzerrt an und erzählt uns schnell die Geschichte der Gründung der Band, den Anfang in Hamburg und klingt sowas von nach 1993. Wilde Zeiten, das Loslösen aus den alten Verbindung hin zu neuen Gefilden. „Austritt aus der Stille, Ausbruch aus der Falle, Ausfahrt aus der Hölle, aus der Schwarzwald-Hölle!“ Wer vom Dorf kommt, versteht diesen Text genau. Ausbruch aus dem Dorfalltag, raus in die Welt gehen und das Leben leben und entdecken. Mit sechzehn darauf warten, endlich achtzehn zu werden und mit dem Auto das konservative Dorf hinter sich zu lassen und die Großstadt zu erkunden.

Aber auch der traurigste Thema wird behandelt. Der Tod steht im Song “Unwiederbringlich“ im Mittelpunkt. Sehr bizarr erzählt Dirk von dem Tod eines guten Freundes in Zeiten, in denen es noch keine Handys gab. „Dein Tod war angekündigt, das Leben ging Dir aus!“ Es wirkt makaber, aber wann ist es im Leben nicht so? Dirk hat es geschafft, das Leben so pur in Worte zu fassen, dass es schon erschreckend ist. Es ist wie ein Spiegel, den uns TOCOTRONIC vorhalten. Es wirkt alles so klar und logisch mit allem Freud und Leid.

„Du bist nicht schön, doch auch kein Biest. Vielleicht etwas dazwischen, das noch nicht bezeichnet ist! Nur Du selbst, doch nicht bewusst. Mit Deinen schiefen Zähnen und der schmalen Brust. Doch Du hast mich gerettet und Du hast mich erlöst…“ gibt Dirk von Lowtzow klar sprechend von sich. Das Lied “Ausgerechnet Du hast mich gerettet“ erzählt von Süchten und Abgründen. Es war eine schwierige Zeit und dazu gehörte der Umzug nach Berlin. Es bleibt offen, ob die Stadt gemeint ist, oder eine Person. Aber vielleicht ist es ja beides, was rettend war. Wichtig ist, dass es rettend war!

Ich könnte noch bis in “Die Unendlichkeit“ weiter schreiben über dieses Werk. Es gibt so viele Textstellen, die erwähnenswert sind. Ich finde mich in jedem einzelnen der zwölf Stücke wieder. Ich habe ganz viel über diese Band erfahren und nehme das Album als Anreiz über das Leben nachzudenken und lächelnd und weinend der Vergangenheit zu begegnen. Für TOCOTRONIC und seine Fans eine neue Erfahrung mit der Musik. Und es geht so tief, dass man es einfach nur fühlen kann.

Das Album „Die Unendlichkeit“ könnt ihr Euch direkt hier mit nur einem Click auf das Bild unten kaufen!

 

 

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