Interview: Manfred Groove

Manfred Groove „Hinter der Tapete“

Manfred Groove „Hinter der Tapete“

Milf Anderson und YellowCookies verschmelzen mal wieder. Aber nicht zu einem nicht mehr definierbaren Stück Schokolade oder dergleichen. Man könnte eher sagen sie verschmelzen zu etwas viel stärkerem, etwas sich formt und dann aufsteigt wie in diesen trashigen Sci-Fi Filmen Splittern. “Hinter der Tapete” soll alle HipHop Fans im Erwachsenenalter ansprechen. Das ist ganz klar definiert und es richtet sich auch gewissermaßen an ein gebildetes Publikum. Mag gemein klingen, aber für dumpfe HipHop Plattitüden sind Manfred Groove eben zu haben.

HipHop soll und darf klug und clever klingen. Eingängig darf er natürlich auch sein. Ehklar. Und so passiert es, dass die Tracks unfassbar Spaß machen. “DreiZwoDreiZwo” zum Beispiel. Es geht um die Claps. Hände hoch und zum Schmunzeln darfst du dann auch gern mal aus der Ecke kommen. Manfred Groove wandelt mit dem neuen Album auch mal wieder auf den Pfaden der scharfsinnigen, leicht satirischen Beobachtungen aus dem Alltag. Ihre Songs handeln vom Überleben in der digitalen Welt, vom Älterwerden und dem Dagegenanschreiben, der Schizophrenie des Kunst-Machens oder gerne auch mal von nichts. Dieses Nichts ist so heilsam auf seine Art.

„Wir haben schon seit längerer Zeit ein strategisches Plan-B-Projekt mit extrem unklugem Rap gestartet. “ – Manfred Groove über ihr neues Album „Hinter der Tapete“

“Hinter der Tapete” passt so krass gut in unsere Zeit. Es so variabel wie unser Essverhalten als Flexitarier oder beim Mülltrennen. Es darf alles und zu jederzeit passieren. Tanzen, feiern, Kopf nach unten und in die Ecke starren, cool sein, oldschool Beats blitzen auf, und dann wird doch alles ganz rasant. Die Variabilität erlaubt es uns als Zuhörer*innen, dass wir uns auch nur eine handvoll Tracks rauspicken können, die wir bedingungslos feiern.

So entpuppt sich das Album wie ein Pendel. Es bleibt nie stehen und ist mal super quatschig und dann wieder ernst, gar pessimistisch wie man dieser Tage eben sein darf. Vielleicht passt diese Platte ja auch genau richtig zum aktuellen Lockdown. Wer seine Wände zuhause mal für 15 Tracks bunt streichen möchte, möge Manfred Groove laut aufdrehen. Anspieltipps sind für mich ganz klar “DreiZwoDreiZwo”, “Es geht uns gut” feat. Roger und “Karl-Heinz Riedle”.

Da die Manfreds an Quatschigkeit nicht zu übertreffen sind wir manchmal auch nicht wissen, was jetzt ernst und was vielleicht eher nicht gemeint war, mussten wir hier mal Klarheit reinbringen. Es folgt eine Gegenüberstellung, quasi eine Persönlichkeitsspaltung:

(Witzig) Corona-Lockdown ist für euch als Künstler eigentlich ganz geil, weil…

…das Konzept der Jogginghosenmillion endlich greifbarer wird*
(*Jogginghosenmillion besagt, dass es einfach ist, in einem guten Anzug eine Million zu verdienen – das kann quasi jeder Depp. Die eigentliche Kunst ist es aber, in einer Jogginghose eine Million zu verdienen. Das schien allerdings lange doch recht schwer erreichbar. Durch die Pandemie ist die Jogginghose jetzt allerdings so alternativlos, dass endlich die Chancen steigen.)

(Ernst/Pessimistisch) Die ganze Situation ist aber auch zum Ausrasten, weil…

…naja, die Gründe sind vielfältig. Es ist schade, ein Album ohne Tour zu releasen, wir haben keine Gigs, können kaum zu Terminen reisen oder aufwändigere Videos drehen und aktuell auch nicht zusammen ins Studio. Zudem sind viele Clubs existenziell bedroht, viele Kollegen stehen vor der Insolvenz – von den gesamtgesellschaftlichen Problemen ganz zu schweigen. Das ist alles schlimm. Und andererseits: Es ist eine Pandemie und es sterben und erkranken einfach viel zu viele Menschen und diese Maßnahmen sind alternativlos – also ists halt so und wir haben das Beste draus zu machen. Aber wenn wir dereinst mal die Impfungen haben, können wir vielleicht dieses Jahr noch spielen und zusammen eskalieren. Dann dafür aber mit doppelt Schmackes!

Manfred Groove: „Wer die Gesellschaft verändern will, sollte nicht Musiker werden. „

(Witzig) Wenn das Album jetzt nicht zündet, wars das dann mit klugem Rap und eurer Karriere? Wie sieht euer Plan B aus?

Wir haben schon seit längerer Zeit ein strategisches Plan-B-Projekt mit extrem unklugem Rap gestartet. Wenn alle Stricke reißen, holen wir eben das aus der Schublade. Es heißt Ignacio Cassis und DJ Weizenbier – das Album heißt: Pumpen. (es ist eher so ein Ballermannprojekt)

(Ernst) Was zeichnet euer neues Album “Hinter der Tapete” aus, was andere HipHop Alben in 2021 vielleicht nie erreichen werden?

Ich glaube, das Album liefert sowohl inhaltlich als auch textlich eine große Vielfalt und Breite und schafft es trotzdem, einen erkennbaren Sound zu behalten. Es war immer unser Ziel, möglichst Verschiedenes zu parallelisieren – das Nietzsche-Zitat soll gleichberechtigt neben dem Pimmelwitz stehen, der BoomBap-Dancefloor-Jiggy-Beat parallel zur Dubstep-Bassline existieren dürfen und der leichtfüßige Song übers Älterwerden neben der düsteren Reflexion über die Gefahr der Digitalisierung für die Gesellschaft. Ich würde behaupten, dass diese Breite und Variabilität schon recht selten in der deutschen Poplandschaft ist und… naja, das soll erstmal jemand nachmachen.

(Witzig) Seid ihr frustriert, dass Musik noch so kritisch sein und doch nichts verändern kann an der Gesellschaft?

Um Himmels Willen – Neeeee. Wer die Gesellschaft verändern will, sollte nicht Musiker werden. Besonders die Idee, dass für eine immer komplexer werdende Welt ein Song mit seinen 30 Zeilen das passende Medium sein könnte, scheint mir absurd. Wer die Welt verändern will, soll was anderes machen – zum Beispiel Milliardär werden und dann was bewegen.

(Ernst) Welcher eurer neuen Songs hat die eurer Meinung nach wichtigste und wirklich ernsthafte Message an uns Zuhörer*innen?

Wir haben eigentlich kaum Messages zu bieten – eigentlich nur Reflexionen. Das Album spiegelt in seinen Themen-Tracks eher einen Denkprozess wider als dessen Abschluss. Deswegen haben wir keine Message außer: „Darüber könnte man doch auch mal nachdenken, oder?“.

Eine einzelne Message hat sich allerdings aufs Album geschlichen – allerdings in einen eher spaßigen Track namens Karl-Heinz Riedle:

„Meinungen sind wie Arschlöcher:

Wenn sie braun sind, ist das Scheiße.

Und blau und braun ist, wenn wir ehrlich sind

Quasi das Gleiche“

Diese Message bitte ich dieses Jahr im Herbst zu beachten.

(Witzig) Eure Welt nach Corona…

Im Oktober gehts auf Tour, wir liegen uns alle in den Armen, unser Album hat überraschenderweise die Charts erobert… Puh – lief doch eigentlich dann doch ganz gut, so im Vorblick.

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