Feature: ANOKI

ANOKI im Interview & Review über seine neue EP

Anoki im Interview über seine EP; Fotocredit: Janos Götze

Heute stellen wir dir in einem ausführlichen Interview die neue EP „Irgendwann wird alles leichter“ von ANOKI vor. Eines klar, wenn man sich durch die EP hört: Es gibt Gesprächsbedarf, denn Anoki arbeitet seine eigene Geschichte und seinen kulturellen Kontext auf. Und das passiert auf einer Ebene, die einem gewissermaßen aus der Seele spricht. Er verortet sich in den neuen Tracks irgendwo zwischen Indie, Soul und Pop und wirkt mittlerweile damit sehr gestanden. Die Themen sind dennoch schwer und erzählen in einer äußerst poetischen Form seine Geschichte. Es geht um Resignation, Verzweiflung, Mutlosigkeit, aber auch Aufbruch. Das verspricht für viel Spannung zu sorgen und einen selbst in diesen Zwiespalt zwischen Hoffnung und absoluter Fassungslosigkeit zu drängen.

Ich habe auf jeden Fall Ängste und kenne wie es ist Ohnmächtig zu sein. Sei es in Bezug auf die Ungleichheit und die die Aussichtslosigkeit vor der du stehst, wenn du nichts hast und deine Mom 3 Jobs arbeiten muss, damit ihr klar kommt oder wenn du von rassistischen Bullen mitgenommen wirst, weil du eben keine weiße Haut hast. Das bringt einen schon im Direkten und selbst erfahrbaren relativ nah ans Untergangsszenario.

Dieses Gefühl der Ohnmacht spiegelt sich auch in seinen Songs wieder. Man pendelt so zwischen beiden Welten hin und her. Dass Anoki hier mit den intimsten inneren Widersprüchen arbeitet, ist mutig und hat eine enorme Wirkung auf uns als Zuhörer*innen. Im Fokus dieser kleinen und großen Kämpfe steht die Freiheit. Eine Freiheit, die sich Anoki zu eigen macht, um aus dem Strudel des Zeitgeistes auszubrechen. So sind seine Songs sehr organisch, wirken teils auch noch sehr roh und können für den ein oder anderen Überraschungsmoment sorgen. Wichtig ist, dass man mit Anoki gewissermaßen über seine neuen Songs spricht. Deswegen ist das unten folgende Interview unverzichtbar für diesen wirklich herausragenden Release.

Deine neue EP verspricht uns, dass irgendwann alles leichter wird. Gibt es ihn denn überhaupt noch diesen Hoffnungsschimmer und wenn ja worin können wir ihn in deinen neuen Songs finden?

ANOKI: „Haha, ich hoffe es zumindest so sehr. Gerade sieht es ja auf der weltpolitischen Bühne alles andere als nach nem’ Hoffnungsschimmer aus. Aber auf der anderen Seite war das auch schon so, seit ich denken kann. Der grundlegende Antrieb für viele Menschen und auch für mich, war (und ist) der einfache Gedanke, dass es irgendwann leichter werden muss. „Ich mach das heute noch, dann muss ich das morgen nicht machen“, „Wenn ich nur jetzt durch die ganzen Shit gehe, habe ich das morgen los“, „Ich mach diesen Job nur damit es meine Kinder mal besser haben“. Das sind alles Sätze die ich kenne und mit denen ich aufgewachsen bin. Wann es aber besser wird, ob das morgen ist, ob das nächste Woche ist oder ob es das erst nach dem Tod wird, kann ich nicht sagen. Mir hat alles nur immer gesagt: „irgendwann wird alles leichter“ deswegen muss ich das glauben, denn darauf baut alles auf was wir tun. Alle Songs sind super intuitiv entstanden und ich hoffe (trotz der ganzen Arbeit die darin steckt) dass sie easy und leicht daher kommen. Auch wenn die Inhalte über die ich spreche, das vielleicht nicht sind.“

Du beschäftigst dich viel mit der aktuellen Generation, die sich zu sehr in sich selbst und sich in Ängsten und der Ohnmacht verliert. Das klingt nach einem gewaltigen Untergangsszenario. Wie schwer war es für dich beim Schreiben der Songs, dass du dich nicht zu sehr darin suhlst und das Positive dennoch im Blick behalten konntest?

ANOKI: „Also zu aller erst spreche ich in den Songs über das, was ich erfahren habe. Ob ich damit über oder für eine Generation spreche weiß ich nicht, das müssen andere sagen. Ich habe auf jeden Fall Ängste und kenne wie es ist Ohnmächtig zu sein. Sei es in Bezug auf die Ungleichheit und die die Aussichtslosigkeit vor der du stehst, wenn du nichts hast und deine Mom 3 Jobs arbeiten muss, damit ihr klar kommt oder wenn du von rassistischen Bullen mitgenommen wirst, weil du eben keine weiße Haut hast. Das bringt einen schon im Direkten und selbst erfahrbaren relativ nah ans Untergangsszenario. Dazu kommt die Ohnmacht vor der wir alle stehen, wie der Krieg (jetzt auch vor der Haustür) oder die Klimakrise. Gleichzeitig ist es unfassbar wichtig (für mich) das einzuordnen und mich davon so gut es eben geht frei zu machen. Denn Ohnmacht und Angst machen mich Handlungsunfähig und das möchte ich nicht sein. Deswegen suche und finde ich viel positives. Sei es in und bei meinen Freund*innen, in den Momenten in dem ich es irgendwie schaffe abzuschalten und vor allem in der Musik.“

In deinem Sound grenzt du dich bewusst bewusst von starren Genre-Grenzen ab und willst sofern auch gar nicht zu einem der Genre-Typen gehören. Inwiefern verleiht dir das eine enorme Freiheit und nimmt dir den Druck eine EP wie “Irgendwann wird alles leichter” zu veröffentlichen?

ANOKI: „Uff. Haha das hat so lange gedauert. Ich höre und liebe Rap, einer meiner ersten Jobs war in einem richtig guten Laden, in dem viele Punk & Indie Bands gespielt haben (big up Stattbahnhof Schweinfurt <3). Das waren die Grundlagen von dem was heute meine Musik ist. Was sich jetzt wie eine Freiheit anfühlt, all das zu tun was gut und echt ist, stand mir lange Zeit sehr im Weg. Für Rap war ich zu dies, für Indie zu das. Das hat mich lange Zeit sehr gehemmt. Solange bis ich eben und endlich festgestellt habe, dass das „zwischen den Stühlen“ sitzen einfach das ist, was mich ausmacht. Das was „Irgendwann wird alles leichter“ zusammenbringt sind nicht die Genres. Es ist die Instrumentalisierung der Stücke, der Rap in dem ich von dem erzähle was mich bewegt und vor allem: das was ich erzähle.“

“Schüsse” befasst sich ganz konkret mit deinen eigenen Wurzeln und vermittelt mir den Eindruck, dass du auch oder gerade heute eine Angst verspürst dich zu entscheiden: Hier bleiben oder gehen. Kannst du dich noch erinnern, was dir durch den Kopf ging als du die Zeilen zu diesem Song geschrieben hast?

ANOKI: „Am 19.02.2020 wurden in Hanau 9 Menschen von einem rechtsradikalen Terroristen erschossen. Das es überhaupt soweit kommen konnte – alleine das ist unerträglich, denn: Viele Menschen mit Migrationsgeschichte, zahllose antifaschistische Initiativen haben seit Jahren davor gewarnt, dass so etwas passieren wird. Aber ihnen wurde nicht zugehört, sie wurden nicht ernst genommen, denn es darf nicht sein was nicht sein darf. Am Tag nach diesem Ereignis war ich, weil ich versucht habe irgendetwas gegen meine damit verbundene Ohnmacht zu tun, im Studio und habe diesen Song geschrieben. Das was ich darin sage, kam einfach Zeile für Zeile komplett an einem Abend. Es war einfach schon lange bereit gesagt zu werden und hat seit Jahren in mir gebrannt. Und genau da kommen wir zu der Frage nach dem „Bleiben oder Gehen“: Wenn ich seit ich denken kann rassistische Anfeindungen erlebe, meine Freund*innen mit Migrationsgeschichte die auch erleben und mir und uns niemand zuhört, uns nicht ernst nimmt wenn wir davon erzählen, ich abgetan werde mit „hab dich nicht so/ das ist nur spaß/ du bist ja empfindlich/etc.“ und dann so etwas passiert, fühlt sich der Ort an dem so etwas passiert immer weniger nach Heimat an. Denn Heimat ist ein Ort an dem grundlegende Bedürfnisse, wie zum Beispiel deine körperliche Unversehrtheit, nicht zur Frage stehen. Doch die Frage muss ich und müssen sich viele migrantische Freund*innen von mir jeden Tag stellen, solange solche Dinge passieren. Hätte man uns zugehört, könnten diese 9 Menschen heute noch leben.“

Und kannst du beschreiben, was für ein Gefühl in dir entstehen könnte, wenn du diese Zeilen singst und vor dir etliche Leute stehen, die das live mitfühlen und dich mittragen?

ANOKI: „Ich hatte die große Freude und Ehre die Platte bevor sie rauskam schon auf ein paar Shows mit „Jeremias“ sozusagen auszuprobieren. Das war echt ein Privileg, denn wie geil ist es bitte vor über 1.000 Menschen die Songs zu spielen, die rauskommen aber sie kennt noch niemand außer du und deine Band? (big up an dieser Stelle, ich bin so happy über die boys, die für die kommenden Konzerte mit auf der Bühne stehen). Früher war das ja oft so, das Bands so ihre neuen Sachen ausprobieren konnten, aber heute ist das schon eher die Ausnahme. Jedenfalls: Trotzdem haben die Leute im Publikum, spätestens beim zweiten Refrain mitgesungen, getanzt, gefeiert – bei allen Songs bis auf „Schüsse“. Und das hat mich komplett kalt erwischt. Die ganze Zeit ausgelassene und gelöste Stimmung, gute Vibes, alle machen mit und dann kommt dieser Song und es war wirklich den gesamten Song über Still und Leute haben das gemacht was sie, als ich früher von diesen Erfahrungen erzählt habe nicht getan haben: Sie haben zugehört. Das war so ein unfassbares Erlebnis und selten hat mich Live eine Situation so stark berührt. Eyii ich kann es einfach nicht erwarten die Songs jetzt nach Release mit der EP im Rücken, auf die Bühne zu bringen.“

Es stehen etliche Live-Termine an bei denen du direkt die Gelegenheit haben wirst, deine Songs und künstlerischen Claims direkt an uns Zuhörer*innen weiterzuvermitteln. Nach über 2 Jahren Corona muss sich das doch unglaublich befreiend anfühlen oder?

ANOKI: „Ja das tut es wirklich! Im Sommer stehen Festivals an – uff, endlich einen richtigen Festival Sommer zu spielen und das nach den letzten Jahren mit angezogener Handbremse. Dream! Und dann gehen wir im September durch 10 Städte auf Tour, gemeinsam mit dem unfassbaren Kaltenkirchen. Ich habe mir für das alles den lange gehegten Wunsch erfüllt und eine Band gefunden die das, was ich und wir uns beim schrieben und produzieren von „Irgendwann wird alles leichter“ gedacht haben komplett lebt. Ich zähl die Tage bis es los geht, wir alle können es nicht erwarten. Und neben Shows zu spielen ist es einfach, genau nach den 2 Jahren Corona unfassbar gut wieder mal ein bisschen rumzukommen und Leute kennen zu lernen. Einfach wieder trotz all der Schwere in der Welt eine gute Zeit zu haben. Darauf freue ich mich am meisten.“

Live – Irgendwann Tour (+ Kaltenkirchen)

04.09.2022 Rostock Mau
05.09.2022 Hannover Lux
06.09.2022 Köln Yuca
07.09.2022 Berlin Kantine am Berghain
08.09.2022 Hamburg Häkken
09.09.2022 Oldenburg umBAUbar
10.09.2022 Erfurt Engelsburg
12.09.2022 Wien B72
15.09.2022 Stuttgart Wizemann (Studio)

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