Feature: Andrina Bollinger

Andrina Bollinger „Island of Way Back“ Albumfeature

Andrina Bollinger im Interview zum neuen Album „Island of Way Back“; Fotocredit: Nicole Pfiste

Mit „Island of Way Back“ entwirft Andrina Bollinger kein klassisches Album – sondern einen Rückzugsort. Einen Raum, der sich bewusst der permanenten Beschleunigung entzieht und stattdessen auf etwas setzt, das in der Gegenwart fast radikal wirkt: Stille, Körperlichkeit und Zeit. Schon die Entstehungsgeschichte deutet an, dass hier kein Schnellschuss vorliegt. Über sechs Jahre hinweg gewachsen, wirkt das Album wie ein verdichtetes Tagebuch – fragmentarisch, suchend, und am Ende doch überraschend geschlossen. Dass sich daraus eine klare Dramaturgie in vier Akten ergibt (Disconnection → Listening Inward → Surrender → The Return), war dabei keineswegs geplant, wie Bollinger im Gespräch erklärt:

„Diese Reise und Aufteilung hat sich erst gegen Ende des Kompositionsprozesses ergeben. […] Plötzlich war da ein roter Faden, eine Geschichte, die sich fast von selbst erzählt.“

Diese organische Entwicklung spiegelt sich im gesamten Album wider. „Island of Way Back“ fühlt sich nicht konstruiert an, sondern gewachsen – wie etwas, das erst durch Distanz verständlich wird. Im Zentrum des Albums steht eine Idee, die weit über Musik hinausgeht: Rückzug als Notwendigkeit – und als Widerstand. Bollinger beschreibt ihn als essenziell für ihr Arbeiten, aber auch als widersprüchlich in einer Branche, die Sichtbarkeit verlangt:

„In einer Zeit, die ständige Präsenz fordert, wird dieser Rückzug für mich automatisch zu einem politischen und künstlerischen Statement.“

Diese Spannung durchzieht das gesamte Werk. Die Songs wirken oft wie Gegenentwürfe zu einer überreizten Außenwelt – leise, tastend, fast fragil. Und doch liegt gerade darin ihre Kraft. Was „Island of Way Back“ besonders macht, ist die enge Verbindung von Körper und Klang. Viele Songs entstehen aus Momenten körperlicher und mentaler Erschöpfung – Zustände, die Bollinger nicht nur thematisch verarbeitet, sondern auch klanglich erfahrbar macht.

„Mir wurde klar: wenn mein Körper und Geist nicht gesund sind, ist es meine Stimme auch nicht.“

Diese Erkenntnis hat ihren Zugang zur Musik grundlegend verändert. Die Stimme wird hier nicht nur als Ausdrucksmittel verstanden, sondern als physischer Resonanzraum. Atem, Bruchstellen, Unsauberkeiten – all das bleibt hörbar und wird Teil der Ästhetik. Musikalisch bewegt sich das Album weit abseits klassischer Pop-Strukturen. Geflüsterte Schlafnotizen werden zu Soundscapes, gestrichene Gitarrensaiten erinnern an dunkle Streicherflächen, Rhythmen entstehen aus der Stimme selbst. Trotzdem wirkt nichts verkopft – im Gegenteil: Alles scheint aus einem sehr konkreten Impuls heraus zu entstehen. Diese Offenheit prägt den gesamten Sound. „Island of Way Back“ ist ein Album, das sich nicht festlegen lässt – und genau darin seine Kohärenz findet.

Interessant ist auch die Balance zwischen Kontrolle und Kollaboration. Bollinger hat das Album weitgehend selbst produziert, sich aber erstmals bewusst geöffnet – ein Schritt, der nicht selbstverständlich war:

„Als Control-Freak fiel mir das nicht leicht. Gleichzeitig wusste ich, dass ich am Ende die letzte Entscheidung treffe.“

Diese Spannung zwischen Kontrolle und Vertrauen ist hörbar. Die Arrangements wirken präzise, aber nie starr. Es gibt Raum für Zufälligkeit, für Reibung, für das Ungeplante. Der vielleicht eindringlichste Moment des Albums ist „Oh Anne“, ein direktes Zwiegespräch mit ihrer verstorbenen Großmutter. Hier verzichtet Bollinger bewusst auf Metaphern – und geht einen Schritt weiter als je zuvor:

„Ich hatte zunächst Respekt davor, das so unverstellt zu zeigen […] Aber genau das ist auch der Kern des Albums: ehrlich zu sein, und die Schutzschicht abzulegen.“

Diese Radikalität zieht sich durch das gesamte Werk. „Island of Way Back“ ist kein Album, das sich hinter Bildern versteckt. Es sucht die direkte Konfrontation – aber auf leise, behutsame Weise. Am Ende ist „Island of Way Back“ vor allem eines: ein Gegenentwurf. Gegen Tempo, gegen Perfektion, gegen die Erwartung, ständig verfügbar zu sein. Es fordert Aufmerksamkeit, Geduld – und vielleicht auch die Bereitschaft, sich selbst ein Stück weit zurückzuziehen. Gerade darin liegt seine besondere Qualität. Dieses Album will nicht gefallen, es will wirken. Und das tut es – langsam, nachhaltig, und mit einer Intensität, die nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen.

Lies hier das vollständige Interview mit Andrina Bollinger:

Dein Album ist in vier Akte unterteilt – von Disconnection bis The Return. War diese Struktur von Anfang an da, oder hat sich diese narrative Reise erst im Laufe der sechs Jahre herauskristallisiert?

Andrina Bollinger: „Diese Reise und Aufteilung hat sich erst gegen Ende des Kompositionsprozesses ergeben. Als ich auf das Sammelsurium von Texten, Klängen und Songs zurückgeblickt habe, die über diese Jahre entstanden sind, wurde mir klar, wie stark alles miteinander verbunden ist. Plötzlich war da ein roter Faden, eine Geschichte, die sich fast von selbst erzählt und dieses Zurückkommen spürbar macht.“

Du beschreibst das Album als „leise Rebellion gegen die Tyrannei permanenter Sichtbarkeit“. Was bedeutet Rückzug für dich persönlich – und wann wird er zu einem künstlerischen Statement?

Andrina Bollinger: „Rückzug ist für mich lebenswichtig, ohne ihn könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Gleichzeitig ist er schwer, weil die Arbeit als selbständige Musikerin mit all ihren Rollen und 100 verschiedenen Jobs nie aufhört. Ich liebe, was ich tun darf, aber ich musste hautnah erleben, dass es ohne bewusste Pausen nicht geht, selbst wenn sie klein sind. In einer Zeit, die ständige Präsenz fordert, wird dieser Rückzug für mich automatisch zu einem politischen und künstlerischen Statement.“

Viele Songs scheinen aus Momenten körperlicher und mentaler Erschöpfung heraus zu entstehen. Wie hat dieser Zustand dein Schreiben und vor allem deinen Umgang mit deiner Stimme beeinflusst?

Andrina Bollinger: „Die Erschöpfung hat mich dazu gebracht, mich erstmals wirklich intensiv mit meiner Stimme und ihrer Verbindung zum Körper auseinanderzusetzen. Mir wurde klar: wenn mein Körper und Geist nicht gesund sind, ist es meine Stimme auch nicht. Ich begann, wöchentlich Gesangstechnik-Unterricht zu nehmen bei meiner Mentorin in Berlin, was ich heute übrigens immer noch mache. Diese Arbeit war unglaublich heilsam, weil sie genau verstand, wo meine Themen lagen: Körper, Kopf und Stimme funktionierten lange getrennt voneinander. Durch kontinuierliche, feine Arbeit mit Atem und Stimme konnte ich zu meiner heutigen Stimme finden – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.“

Du arbeitest mit sehr ungewöhnlichen Klangquellen – geflüsterte Schlafnotizen, gestrichene Gitarrensaiten, Stimme als rhythmisches Element. Wie beginnt bei dir ein Song: eher konzeptuell, körperlich oder über einen konkreten Sound?

Andrina Bollinger: „Es ist eine Mischung aus allem und im Zentrum steht das Experiment. Wichtig für mich ist, dass der Ausgangspunkt konkret ist: sei es ein Wort, ein Klang, eine Emotion, eine Geschichte oder ein Konzept. Von dort aus beginne ich zu improvisieren, bis sich etwas stimmig anfühlt. In diesem Prozess versuche ich, mir möglichst keine Grenzen zu setzen, alles darf passieren.“

Du hast das Album weitgehend selbst produziert, aber auch mit Musiker:innen und Co-Produzent:innen gearbeitet. Wie balancierst du die Kontrolle über dein sehr persönliches Material mit dem Input anderer?

Andrina Bollinger: „Ich schätze den Input meiner Mitmusiker*innen sehr. Sie bringen enormes handwerkliches Können mit und sind kreative Köpfe mit wertvollen Ideen und Ohren. Für dieses Album habe ich zum ersten Mal bei vier Songs mit einem Co-Produzenten gearbeitet, der auch künstlerisch mitgestaltet hat. Als Control-Freak fiel mir das nicht leicht. Gleichzeitig wusste ich, dass ich am Ende die letzte Entscheidung treffe und die Sessions bei mir bleiben, das hat mir die nötige Sicherheit gegeben, mich zu öffnen.“

Der Song „Oh Anne“ wirkt wie ein sehr direktes, persönliches Zwiegespräch. Gab es einen Moment, in dem du gezögert hast, diese Form von Intimität zu veröffentlichen – oder war genau das der Kern dieses Albums?

Andrina Bollinger: „Es brauchte einen Moment. Normalerweise arbeite ich gerne mit Bildern und Metaphern, die Höhrer*innen dürfen sich die Bedeutung und Message selbst erschliessen. Bei „Oh Anne“, diesem Gespräch mit meiner Grossmutter, spürte ich jedoch, dass ich die Direktheit und Rohheit nicht abschwächen möchte. Gerade das macht den Song für mich so kraftvoll. Ich hatte zunächst Respekt davor, das so unverstellt zu zeigen, weil es sich fast wie ein privates Dokument anfühlt. Aber genau das ist auch der Kern des Albums: ehrlich zu sein, und die Schutzschicht abzulegen.“

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