Feature: Antje Schomaker „30€“
„30€“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte, die für viele Menschen dennoch erschreckend nachvollziehbar sein dürfte. Wann hast du gemerkt, dass genau dieses Erlebnis und diese 30 Euro irgendwann zu einem Song werden mussten?
Antje Schomaker: „Es geht ja im Song nicht um ein konkretes Erlebnis und die 30€ sind eher in einem Nebensatz einer Aufzählung erzählt. Ich zähle nacheinander Situationen auf, in denen mein Vater nicht anwesend war, obwohl er im selben Haus gewohnt hat. Mir ging es nicht um Geld, sondern darum, was dahinter steckt. Er hat meine Erfolge nie gefeiert, egal ob Abi, die Hauptrolle im Theaterstück, der 1. Platz bei „Jugend musiziert“, meine ersten Konzerte, das alles war ihm nichts wert. Das Thema hat sich schon häufiger subtil in meine Songs geschlichen, ich war bei meinem 3. Album aber bereit für rigorose Ehrlichkeit und klare Grenzen.“
Im Refrain singst du: „Du bist für mich kein Vater, du bist nur ein Mann, der mich nie lieben konnte.“ Das ist eine unglaublich klare und konsequente Aussage. War das Schreiben dieses Songs für dich ein schmerzhafter Prozess oder vielmehr ein Moment der Befreiung?
Antje Schomaker: „Es ging mir im Refrain darum anzuerkennen, dass er sich nie lieben konnte und mich nie lieben wollte. Ich glaube, ich verstehe heute besser, woher vieles kommt und welche eigenen Verletzungen dahinterstehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles entschuldigen muss. Für mich liegt der entscheidende Unterschied darin, ob jemand bereit ist, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Sich Hilfe zu suchen. Sich zu reflektieren. An sich zu arbeiten, damit die eigenen Wunden nicht an die nächste Generation weitergegeben werden. Genau diese Bereitschaft hat mir gefehlt und das meine ich mit der Zeile „mich nie lieben wollte“. Denn wenn man seine Kinder wirklich lieben und ihnen ein guter Vater oder eine gute Mutter sein möchte, dann versucht man alles, um das eigene Trauma nicht weiterzugeben. Für mich war diese klare Abgrenzung sehr befreiend und ich hoffe, dass mein Song auch anderen Menschen das Gefühl geben kann, dass sie Grenzen setzen dürfen, ohne sich dafür schuldig zu fühlen.“
Oft erzählen Songs von Versöhnung oder Vergebung. „30€“ geht bewusst einen anderen Weg und spricht von Abgrenzung und Selbstschutz. Wie wichtig war es dir, genau diese Perspektive sichtbar zu machen – gerade auch für Menschen, die auf eine Entschuldigung oder Anerkennung vergeblich gewartet haben?
Antje Schomaker: „Mir war das sehr wichtig. Ich finde, wir erzählen oft die Geschichte, dass am Ende alles wieder gut werden muss. Dass Familie immer Familie bleibt und man nur genug verzeihen muss. Aber das ist nicht für alle die Wahrheit. Manche Menschen warten ihr ganzes Leben auf eine Entschuldigung oder darauf, dass ihre Eltern Verantwortung übernehmen und manchmal passiert das einfach nicht. Ich wollte zeigen, dass auch Abgrenzung ein liebevoller Schritt sein kann. Nicht gegen den anderen, sondern für sich selbst. Jemandem zu verzeihen macht uns nicht zu einem besseren Menschen, wir müssen nicht vergeben, um inneren Frieden zu finden. Wir dürfen sagen: das, was du gemacht hast war falsch und hat mir Schmerz zugefügt, damit lebe ich und damit musst du auch leben. Wir können damit abschließen, ohne das Verhalten zu entschuldigen, wofür der Andere keine Schuld eingesteht.“
Musikalisch wirkt „30€“ fast schon zurückgenommen und minimalistisch. Hattest du von Anfang an das Gefühl, dass dieser Song genau diesen ruhigen Rahmen braucht, damit die Worte ihre volle Wirkung entfalten können?
Antje Schomaker: „Den Text hatte ich tatsächlich schon fertig geschrieben, ohne musikalisches Gerüst. Ich wollte ihn eigentlich alleine fertig schreiben, aber als ich dann mit Malte Kuhn im Studio war, mit dem ich das Album produziert habe, hat er angefangen, die Akustikgitarre zu spielen. Ich hab den Text darüber ausprobiert, weil ich Malte mittlerweile echt vertraue und hab gemerkt: das passt. Und dann ist der Song so aus mir rausgeflossen. Ich wollte Max Schneider, meinen Schlagzeuger, noch Drums dazu einspielen lassen. Er hat selbst 3 Söhne und er hat beim Spielen auch eine Träne verdrück. Ich finde man hört, dass da viel Emotion drin steckt. Generell arbeite ich musikalisch sehr intuitiv. Ich setze mich nie hin und überlege, welches Instrument welche Emotion besonders gut transportiert oder wie viel Raum bestimmte Worte brauchen. Ich probiere Dinge aus und merke ziemlich schnell, ob es sich richtig anfühlt.“
Dein kommendes Album „Liebes Tagebuch,“ scheint viele Kapitel deiner Vergangenheit noch einmal aufzuschlagen. Hat dich das Schreiben dieser Songs auch verändert? Gibt es Themen, mit denen du heute anders umgehen kannst als noch vor einigen Jahren?
Antje Schomaker: „Ich glaube, dass wir uns alle mit den Jahren verändern. Das hoffe ich zumindest 🙂 Wir sollten alle mit Mitte 30 anders mit Themen umgehen, als mit Mitte 20, sonst wären wir ganz schön unreflektierte Menschen, die sagen „so bin ich halt, so mache ich das immer schon“ und dann werden wir ein Mensch, über den man irgendwann Songs wie „30€“ schreibt. Ich liebe meine ersten Alben, ich bin total stolz auf die Lieder, die ich geschrieben habe, trotzdem würde ich sie natürlich heute anders schreiben, weil ich ein anderer Mensch bin. So wird es in 4-8 Jahren wahrscheinlich auch sein, wenn ich auf „Liebes Tagebuch,“ zurückblicke 🙂 „
„30€“ ist ein sehr intimer Song, gleichzeitig dürfte er vielen Hörer aus dem Herzen sprechen. Was wünschst du dir, dass Menschen aus diesem Stück mitnehmen – insbesondere diejenigen, die ähnliche Erfahrungen mit ihren Eltern oder ihrer Familie gemacht haben?
Antje Schomaker: „Ich wünsche mir, dass sie sich weniger allein fühlen. Ich habe nach der Veröffentlichung unglaublich viele Nachrichten bekommen von Menschen, die geschrieben haben: „Ich war lange so traurig und einsam“ Oder: „Ich habe noch nie jemanden darüber singen hören, dein Song hilft mir, mich weniger allein gelassen zu fühlen.“ Das hat mich sehr berührt. Wenn der Song irgendetwas schaffen kann, dann hoffentlich dieses Gefühl: Deine Erfahrungen sind real. Deine Gefühle sind berechtigt. Du musst dir Liebe nicht verdienen, auch nicht von deinen Eltern. Wenn du eine gesunde Distanz zu ihnen aufbaust, bist du nicht undankbar, sondern Du sorgst für Dich selbst.“
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