Feature: Tim Vicia „Allein unter vielen“
Tim Vicia „Allein unter vielen“ Track-Feature
Mit „Allein unter vielen“ setzt Tim Vicia seine leise, aber konsequente Erzählung über innere Zustände fort – und verschiebt dabei den Blickwinkel spürbar. Wo „Dieses Leben“ 2025 noch wie ein nachdenkliches Innehalten wirkte, beinahe versöhnlich mit den eigenen Brüchen, zeigt sich der neue Song isolierter, fragiler, unbequemer. Nicht als radikaler Bruch, sondern als logische Weiterentwicklung einer melancholischen Grundstimmung, die geblieben ist. Denn verändert hat sich, wie Tim selbst sagt, eigentlich gar nicht so viel. Die Schwere war schon da, die Zweifel auch. Neu hinzu kommt das Gefühl, sich trotz Nähe ausgeschlossen zu fühlen – dieses diffuse Unbehagen, das sich oft gerade dann einstellt, wenn man dazugehören möchte. Gedanken, die sich besonders zum Jahreswechsel einschleichen: Etwas endet, etwas Neues beginnt – aber wird dadurch wirklich etwas besser?
Auslöser für den Song war ein überraschend konkreter Moment. Beim Songwriting Camp der MainPop Academy, eigentlich ein Ort voller Kreativität und Austausch, stellte sich zunächst Unsicherheit ein. Andere kannten sich bereits, wirkten verbunden, während Tim allein in der Lobby wartete. Ein kurzer Moment des Sich-verloren-Fühlens, der später von einer intensiven, positiven Woche abgelöst wurde – und gerade deshalb so nachhallt. „Allein unter vielen“ fängt genau diesen Zwischenzustand ein: das Zögern vor der Verbindung, das Zweifeln an sich selbst, bevor Nähe überhaupt entstehen kann. Musikalisch und textlich wirkt der Song direkter als sein Vorgänger, aber ohne zu erklären oder zu glätten. Tim lässt bewusst Räume offen – für eigene Geschichten, eigene Erinnerungen, eigene Gefühle. Genau darin liegt die Stärke seiner Songs: Sie sind persönlich, ohne privat zu werden, konkret, ohne festzulegen. Wenn Hörer:innen sich darin wiederfinden, ist das für ihn das größte Kompliment.
Auffällig ist auch der klare Fokus auf männliche Gefühlswelten. Für Tim kein neues Thema, sondern ein durchgehendes Anliegen. Noch immer, sagt er, seien Verletzlichkeit, Zweifel oder Tränen für viele Männer tabu – und das sogar im Jahr 2026. In einer Zeit gesellschaftlicher Rückschritte will er dagegenhalten, leise, aber bestimmt. Seine Songs verstehen sich als Einladung: Gefühle zeigen ist kein Makel, sondern notwendig. Auch im Songwriting hat sich etwas verschoben. Tim klingt freier, weniger kontrolliert, weniger darauf bedacht, jedes Wort perfekt zu artikulieren. Die Suche nach dem eigenen Sound ist einem Vertrauen gewichen – nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit seinem neuen Produzenten Sorgenkind, der seinen Ideen schnell Raum gibt und ihnen einen spürbaren Schub verleiht. Textlich bleibt Tim zwischen Klarheit und Metapher, zwischen Direktheit und Poesie.
Einsamkeit, eines der zentralen Themen des Songs, ist für ihn kein romantischer Rückzugsort. Er unterscheidet klar zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein kann Schutzraum sein, Einsamkeit hingegen entsteht gegen den eigenen Willen – und kann krank machen. In einer Welt permanenter Vernetzung wirkt dieses Paradox umso bedrohlicher. Dass Tim sich zuletzt auch als psychologischer Ersthelfender weitergebildet hat, unterstreicht, wie ernst er dieses Thema nimmt. Wenn „Dieses Leben“ ein Moment des Stillstehens war, dann markiert „Allein unter vielen“ eine Art Standortbestimmung: verletzlich, wach, aber nicht hoffnungslos. Und während dieser Song noch in der Unsicherheit verharrt, deutet sich für 2026 bereits Bewegung an. Der nächste Track, so viel verrät Tim, wird Aufbruch atmen. Melancholie bleibt – aber sie darf sich weiterentwickeln. Wohin der Weg führt, weiß er selbst noch nicht. Angst und Zweifel reisen mit. Doch genau darin liegt die Ehrlichkeit, die seine Musik trägt.
Hier geht es nun zum vollständigen Interview mit Tim Vicia:
Mit „Dieses Leben“ hast du 2025 sehr reflektiert und fast versöhnlich auf das eigene Dasein geblickt. „Allein unter vielen“ klingt deutlich isolierter. Was hat sich zwischen diesen beiden Songs in dir verändert?
Tim Vicia: „Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert. „Dieses Leben“ hat ja eine deprimierte und nachdenkliche Perspektive auf die Dinge ermöglicht. „Allein unter Vielen“ beschreibt Gefühle des sich-ausgegrenzt-fühlens, obwohl man eigentlich nur dazugehören möchte. Die melancholische Grundstimmung ist also geblieben. Vielleicht haben sich ja dazu noch ein paar Gedanken eingeschlichen, die einem um den Jahreswechsel herum kommen: ‚Das eine endet, das neue beginnt. Aber verbessert sich dadurch überhaupt etwas?‘ Wer weiß das schon?“
Der Titel „Allein unter vielen“ beschreibt ein Gefühl, das viele kennen – soziale Nähe bei gleichzeitiger innerer Distanz. Gab es einen konkreten Moment oder eine Erfahrung, die diesen Song ausgelöst hat?
Tim Vicia: „Tatsächlich, ja! Letztes Jahr im Sommer habe ich an dem SongwritingCamp der MainPop Academy in Unterfranken teilgenommen – eine voll tolle Erfahrung für mich! Trotzdem: Als ich am ersten Tag dort ankam und in der Lobby auf die Einführung wartete, hab ich bemerkt, wie sich einige Teilnehmer:innen begrüßt haben, die sich offensichtlich schon vom letzten Jahr kannten. Die hatten direkt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl; und ich war allein dort. Da hab ich mich erstmal richtig lost gefühlt… Während der Einführung habe ich dann zum Glück schnell Anschluss gefunden und die restliche Woche dort war echt the time of my life! Aber wie gesagt, am Anfang habe ich mich erstmal verunsichert gefühlt und gezweifelt. Da musste ich natürlich etwas draus machen! 🙂 „
Im Vergleich zu deinem letzten Release wirkt der neue Song emotional direkter und vielleicht auch unbequemer. War es dir wichtig, diesmal weniger zu erklären und mehr stehen zu lassen?
Tim Vicia: „Ich möchte meinen Songs grundsätzlich immer Raum für eigene Geschichten geben. Natürlich singe ich über bestimmte Situationen und Gefühle, mit denen meine Hörer:innen relaten können. Aber jede:r hat ja ganz eigene Motive, ganz eigene Momente, an die sie:er da denken muss. DAS ist mir wichtig. Wenn mir das gelingt, dann macht mich das sehr glücklich.“
Die Gefühle der Männer stehen hier besonders im Fokus. Kannst du kurz erklären, wieso?
Tim Vicia: „Auch das soll ja auch ein bisschen Bestandteil von all meinen Songs sein. 🙂 Mir kommt es so vor, als wäre es auch 2026 immer noch so, dass „über Gefühle reden“, „sich Schwächen eingestehen“, „weinen dürfen/sich verletzlich zeigen“ für viele Männer tabu ist. Warum ist das immer noch so? Sollten wir nicht eigentlich schon weiter sein? Natürlich gilt das nicht für alle. Trotzdem sind wir ja gesellschaftlich derzeit wieder rückschrittig, was mir echt Sorgen macht. Ich will da gegensteuern. Also Bro’s: Zeigt eure Gefühle! It’s not a big deal!“
Wie hat sich dein Songwriting seit „Dieses Leben“ entwickelt? Gibt es Dinge, die du dir heute erlaubst, die du dir vor einem Jahr noch nicht zugestanden hättest – musikalisch oder textlich?
Tim Vicia: „Ich finde, dass ich lockerer geworden bin, was das Artikulieren der Wörter meines Gesangs angeht. In früheren Songs habe ich immer sehr deutlich betont gesungen. Vor einem Jahr war ich noch sehr auf der Suche nach meinem eigenen Sound. Seitdem ich vor einigen Monaten meinen neuen Produzenten (Sorgenkind) gefunden habe, hat sich das stark geändert. Ich liebe den Workflow mit ihm! Er versteht immer sehr schnell, was ich will. Seitdem haben meine Songs echt nochmal einen ganz neuen Boost bekommen. Textlich versuche ich immer einen Mittelweg zu finden – zwischen direkt/klar und lyrisch/metaphorisch.“
Einsamkeit ist ein zentrales Thema vieler moderner Songs, aber selten wird sie so still und unaufgeregt erzählt. Was bedeutet Einsamkeit für dich persönlich – eher Rückzug, Schutzraum oder etwas Bedrohliches?
Tim Vicia: „Oh ja, Einsamkeit ist ein sehr wichtiges Topic – und zwar quer durch alle Altersgrenzen, meine ich. Ich unterscheide immer gern zwischen „Allein sein“ und „einsam sein“. Ich liebe die Gesellschaft von Menschen, die mir nahestehen; von meinen Freunden und meiner Familie. Aber zwischendurch bin ich auch gern allein. Dann muss ich mit niemandem reden und kann meinen eigenen Gedanken nachhängen. Einsam ist man gegen seinen Willen, finde ich. Ich habe letztes Jahr so viele Artikel gelesen, in denen Leute sich so fühlen. Ist das nicht crazy, in Zeiten von Social Media? Wir sind immer enger connected – und so isoliert, wie nie zuvor. Das spielt dabei safe eine Rolle. Vor einigen Monaten habe ich mich von der MHFA („Mental Health First Aid“) zum psychologischen Ersthelfenden fortbilden lassen. Das waren mega interessante Workshops und auch da war Einsamkeit ein großes Thema. Sie kann richtig krank machen! Insofern, ja, Einsamkeit trägt bedrohliche Züge.“
Wenn „Dieses Leben“ ein Innehalten war: Wo steht „Allein unter vielen“ in deiner künstlerischen Reise – und deutet der Song bereits an, wohin es 2026 für dich gehen könnte?
Tim Vicia: „Möglicherweise? 😉 Ich arbeite schon am nächsten Song und der wird absolut Aufbruchstimmung haben! Ihr dürft gespannt sein! Natürlich wird er trotzdem zu mir passen. Das nachdenkliche verträumte wird immer Teil von mir sein, in einer Welt ohne Melancholie will ich nicht leben. Dennoch entwickelt man sich ja immer weiter und das ist gut so! Um ehrlich zu sein, ich bin selbst gespannt, wo der Weg mich hinführt! Ich will nicht sagen, dass ich dabei frei von Angst und Zweifel bin, ganz im Gegenteil. Aber ich freue mich darauf.“

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