Fatoni Interview

Interview Fatoni – “Man muss sich damit abfinden, dass man nicht verstanden wird.”

Fatoni im Interview; Fotocredit: Conny Mirbach

Fatoni im Interview; Fotocredit: Conny Mirbach

Das Soundkartell hat sich ausgiebiger mit dem Münchner Rapper Fatoni unterhalten. Wir haben über seine Texte, große Missverständnisse und vieles mehr gesprochen.

Am 06. November erschien mit “Yo Picasso!” das neue Studioalbum des Münchner Rappers Fatoni. Die Platte wurde mit Dexter zusammen produziert. Mit Tracks wie “C’mon das geht auch klüger”, “32 Grad” oder “Kann nicht reden ich esse” haut Fatoni einen doppelmoralischen Track nach dem anderen raus. Bei “32 Grad” ist er zum Beispiel ein klassischer Tourist, der vollkommen verantwortungslos auf Lampedusa Urlaub macht.

Soundkartell: Wie viel Prozent von dem prolligen Touristen steckt in Wirklichkeit vielleicht unbewusst in dir?

Fatoni: “Puh, eine genaue Prozentzahl kann ich dir glaube ich gerade nicht sagen. Aber ein bisschen auf jeden Fall! Vielleicht so 12%!

Soundkartell: 12%?

Fatoni: “Es wäre mir jetzt zu doof zu sagen, dass da gar nichts in mir drin steckt. Weil: Ich nehme mich ungern selber raus von sowas. Das steckt glaube ich in den meisten Leuten.

Soundkartell: Ich habe mal von einem Kollegen von PULS erfahren, dass man Eure Tracks nicht immer unbedingt verstehen muss, aber man sollte sie immer geil finden…

Fatoni: “Hat dir das jemand geschrieben oder wie?”

Soundkartell: Ne, das war innerhalb einer Moderation und der Moderator hat mir das danach auch nochmal gesteckt.

Fatoni: “Achso, ja dann hat er wahrscheinlich recht. (lacht)”

Soundkartell: Inwiefern hast du vielleicht gerade einfach Glück, dass wir Eure Texte so verstehen wie sie sind?

Fatoni: “Ich weiß gar nicht, ob das alles so verstanden wird. Aber es wird in jedem Fall gerade interpretiert und gerade gemocht. Das ist bestimmt auch Glück, ja. Aber so 100% verstanden fühle ich mich eigentlich selten. Aber das ist auch egal, weil mir hat auch schon ein kluger Mensch gesagt, du kannst nicht einfach davon ausgehen, dass dich die Leute verstehen. Du kannst es auch nicht erwarten. Und das muss auch gar nicht sein. Wenn sie dich nicht komplett falsch verstehen, ist es auch eigentlich ok. Ich find’ das auch in Ordnung. Ich mag mich nur auch ungern immer erklären. Aber wenn das irgendwie irgendjemand interpretiert und es nicht komplett das Gegenteil ist von dem, was ich sagen wollte, ist es auch meistens ok.”

Soundkartell: Ist es vielleicht leichter sich solch zynischen Themen mit einem Kunstgriff anzunehmen, als dass du über Liebe, Leben und was nicht noch für Stereotypen rappst?

Fatoni: “Ich denke mal, dass es für die meisten Leute nicht leichter ist. Weil die meisten Leute, ob jetzt Rapper, Sänger…wenn du so alles zusammen hast, dann denke ich schon, dass die meisten über Liebe ihre Songs geschrieben haben. Also ist es wohl rein aus statistischen Gründen dann wohl leichter für die meisten. Für mich ist es sicher leichter, die Dinge zu machen, die ich eben mache. Also über Liebe schreiben finde ich persönlich ziemlich schwierig. Ich sage ja auch manchmal Dinge, ohne einen Kunstgriff zu behandeln. So jetzt zum Beispiel über das Flüchtlingsthema eins zu eins zu schreiben, das würde mir sehr schwer fallen.”

Soundkartell: Wie oft musst du dich durch die Texte selbst den Zuhörern erklären und dir selbst?

Fatoni: “Ja naja das ist halt eine Entscheidung, die man trifft, dass man sagt, man redet mit Leuten, gibt Interviews. Ich mach ja zum Beispiel auch viel mit Edgar Wasser, der ja nie mit Euch Medien oder überhaupt mit Leuten darüber spricht. Weil er sich eben auch nicht erklären möchte. Wenn man sagt, man gibt Interviews, dann muss man das eben manchmal tun. Es ist natürlich immer schwierig und es macht auch keinen großen Spaß, weil man dann auch merkt “Ah ok, man versteht’s nicht.”. Und irgendwie, wenn man was erklären muss, dann ist es schon wieder irgendwie schlecht. Weil man’s ja erklären muss (lacht). Es macht mir also keinen großen Spaß! Aber wie gesagt es ist vielleicht auch gar nicht so wichtig, dass man es zu 100% versteht, was man mit einem Song meint. Oder so.”

Soundkartell: Ja, dass man einen gewissen Spielraum hat, das ist halt wichtig finde ich.

Fatoni: “Ja genau!”

 

„Es gibt glaube ich keinen einzigen Song, den man halt so nebenbei hören kann.“

Soundkartell: Was wäre denn Fatoni ohne Ironie?

Fatoni: (überlegt länger) “Weiß ich nicht. Schlafentzug. Das ist ein Song von mir. Also es gibt ja auch so Lieder von mir auch auf dem Album. Ich mache ja auch verschiedene Sachen, aber natürlich ist das etwas, was immer wiederkehrt. Es macht mir halt auch Spaß so zu schreiben.”

Soundkartell: Gibt es denn jetzt mit dem Albumrelease ein Kompliment, das du nicht mehr hören kannst?

Fatoni: (überlegt länger und lacht) “Wahrscheinlich nicht. Ich bin zu eitel! Ne, ich weiß nicht. Also die Komplimente waren ja sehr sehr groß und find’s eigentlich ganz gut. Klar es gibt so Dinge, die über einen geschrieben werden. Also wenn du merkst, ok es wird jetzt gerade versucht Leuten, die das jetzt noch nicht so kennen zu beschreiben und dann gibt es schon so Wörter wo ich mir so denke “Ahja hmh das sagt jeder.” Finde ich irgendwie Quatsch, aber andererseits stimmt das natürlich auch. Ich find’s nur immer schwierig seine eigene Sache so zu beschreiben. Also zum Beispiel steht dann immer so: “Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Kritisiert alles und jeden aber lässt sich aber selbst nie aus. Selbstironie ist ein sehr wichtiges Stilmittel in seiner Musik.” Und das habe ich halt schon so oft gelesen. Aber vielleicht ist man auch selber Schuld, wenn man Artikel über sich selber liest.”

Soundkartell: Komplimente und positive Kritik kann auch sehr oberflächlich sein. Das kann ja zum Beispiel auch immer nachgeplappert sein.

Fatoni: “Ja, das sehe ich auch so. Das sage ich zwar nicht unbedingt bzw. muss das ja auch nicht in den Medien selber sagen. Aber ich hab’ das auch klar beobachtet. Ich habe das früher auch bei anderen beobachtet und dachte mir so, ja lustig jetzt hat das der und der gesagt, jetzt sagen’s alle. Und dann war’s ja auch bei mir auf einmal so. Ja ich mein das ist ja nur gut für mich. Das Phänomen ist trotzdem genauso albern wie früher. Es gibt halt so Meinungsmacher…also am Anfang habe ich gedacht: “Ah ok, jetzt haben das so zwei Leute gesagt, und es plappern alle nach. Dann haben es so viel Leute gesagt, auch so viele andere Leute. Und Leute, die einfach gar nichts mit HipHop zu tun haben, dass ich mir dann dachte: Ok vielleicht stimmt’s ja doch. Und es ist nicht nur ein Nachreden. Aber das gibt es auf jeden Fall. Es gibt ja so Leute wie Falk Schacht oder Markus Staiger, die eben Sachen sagen. Und dann gibt es eben die Leute, die das einfach nachplappern.”

Soundkartell: Das Album ist jetzt seit dem 06.11 raus. Wie zufrieden bist du denn gerade mit den Reaktionen und dem Feedback?

Fatoni: “Also ich bin derzeit natürlich total zufrieden. Es ist sogar noch besser als ich dachte. Aber ne das bringt mir jetzt grade nicht so viel. Also über mich zu kreisen und mit Leuten über einen selbst zu reden. Ich bin ja die ganze Zeit auf Tour. Also im Moment schreibe ich jetzt nicht sehr viel. Ich glaub’ das muss dann auch eher wieder aufhören. Das erhöht natürlich auch den Druck auf die nächste Platte. Es ist jetzt nicht so, dass ich da schon konkret dran denke. Aber, das weiß ich jetzt natürlich schon, die wird natürlich deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, als alle Platten, die ich so bisher gemacht habe. Aber das muss man versuchen, dass man das nicht so sehr an einen ran lässt.”

Soundkartell: Bei all den Videoveröffentlichungen, die ihr so vor dem Album rausgehauen habt, weil das sind ja schon sehr viele…

Fatoni: “Ja und es kommt ja jetzt noch eins!”

Soundkartell: Ah oke cool. Heißt: Wie kreativ seid ihr derzeit noch wirklich oder müsst ihr das schon konkret aufteilen?

Fatoni: “Ja, das war schon auch echt viel Arbeit. Wir hatten zwar jetzt so den krass guten Zeitplan, aber wir haben einfach gemacht und gemacht. Es war schon sehr viel Arbeit einfach. Auf Tour war ich zum Beispiel jetzt öfter. Da war ich zum Beispiel mal mit Weekend auf Tour in Stuttgart. Alle haben dann so gechillt. Und ich und Dexter hatten das Tage vorher schon organisiert und dann haben wir da mit Dexter halt ein Video gedreht. So als Beispiel jetzt. Also so eine Albumphase ist halt eben auch anstrengend. Wir haben uns ja auf jeden Fall noch vorgenommen viele Videos zu drehen. Das ist dadurch natürlich auch ein bisschen gestört.”

Soundkartell: (lacht) Ja schon ein bisschen. Videos zu drehen und zu produzieren, das ist halt einfach krass aufwendig.

Fatoni: “Ja auf jeden Fall! Das krasseste kommt halt aber jetzt erst. Das ist dann auf jeden Fall auch mein “Lieblingsding” dann.”

Soundkartell: Wie speicherst du das denn alles?

Fatoni: “Wie meinst du das?”

Soundkartell: Naja wenn du sagst, das nächste Video wäre dein Liebling und du hast ja schon echt extrem viele Videos produziert.

Fatoni: “Naja also das, was jetzt rauskommt ist das erste Video wo ich für meine Verständnisse Schauspiel mache. Das habe ich irgendwie noch nie gemacht. Ich mach das ja, ich habe das ja auch studiert und war im Theater, aber ich habe in den Videoclips, wenn ich mitgespielt habe, dann habe ich immer nur so Comedy gespielt. Dann habe ich ja bei “Schlafentzug” ja auch andere Leute spielen lassen mit denen ich befreundet bin. Und jetzt schauspielere ich eben und ich finde, dass das voll gut geworden ist. Und das finde ich geil.”

Soundkartell: Kurz wieder zurück zu dem Punkt des Verständnisses deiner Texte und Songs. Was wären denn für dich so drei Elemente, die du herausgreifen würdest, damit wir deine Songs garantiert verstehen?

Fatoni: (überlegt lange) “Ich weiß jetzt nicht, ob es richtig verstanden hab’, aber was man irgendwie voraussetzen kann, ist…ja das kann man jetzt nicht von den Leuten verlangen. Aber was es halt nicht gibt, es gibt glaube ich keinen einzigen Song, den man halt so nebenbei hören kann. Ich kann das mit deutschem Rap sowieso nicht. Ich hör das auch auf einer professionellen Ebene. Aber bei meinen Sachen: Du hast einerseits die Dexter-Beats, die einfach gute Musik sind, die man durchaus auch einfach so nebenbei laufen lassen könnte. Aber ich habe meiner Meinung nach keinen einzigen Track drauf, wo man nicht zuhören muss. Man muss nicht zuhören, aber dann, wenn man dann mal zugehört hat, kann man sich eigentlich sicher sein, dass es in jedem Song von mir – zumindest gewollt – ob man das dann checkt weiß ich nicht, aber dass es so eine zweite Ebene gibt. Hm wie soll ich das sagen: Also für mich ist Rap-Musik ja oft so “no-brainer-shit” sage ich dazu. Und das mag ich auch voll gerne. Also ich höre mir auch gerne Rap von anderen an, der einfach so funktioniert auch wenn sie so Scheiße rappen. Also so Bullshit über die Punchlines. Also es sind jetzt kaum mehr Storyteller drauf. Das gibt’s ja auch gar nicht mehr, dass die Leute wirklich zuhören, um der Geschichte zu folgen. Naja ich weiß jetzt auch gar nicht, ob ich deine Frage richtig beantwortet habe grade? (lacht)

Soundkartell: Doch perfekt!

Fatoni im Interview; Fotocredit: Conny Mirbach

Fatoni im Interview; Fotocredit: Conny Mirbach

Fatoni: “Es war ja früher auch oft deprimierend, dass ich dann so die Sachen gemacht habe und bevor sie releast werden im Umfeld Leute so gesagt haben: “Boah das verstehe ich gar nicht. Das muss ich nochmal hören.” Oder: “Warum hast du denn so einen Song gemacht?” Bei “32 Grad” haben mehrere Leute so im näheren Umfeld, die den so 1 Mal gehört haben und denen den Song ein Mal gezeigt hat, dann gesagt haben: “Wieso hast du denn so einen Party-Song gemacht?” Weil die das halt nicht auf Anhieb gecheckt haben. Beziehungsweise, weil sie auch viele einzelne Zeilen so gar nicht gecheckt haben. Weil für mich ist so das Konzept: Man muss es sich auch ohne Video vorstellen. Video checkt natürlich jeder. Aber ohne Video ist meistens die erste Reaktion immer so: “Äh, was hat er gesagt?” Rap geht ja auch immer so schnell. Man kann es eben auch nicht erwarten, dass es jeder gleich checkt. Ich spreche es ja nicht aus und das ist ja das Konzept in dem Song, dass ich es nicht ausspreche. Aber natürlich will ich, dass es jeder begreift. Joa und manchmal sitzt man dann also da, schreibt was und denkt sich, dass das voll offensichtlich ist! Dann kommt’s raus und dann ist es halt einfach gar nicht so. Zum Beispiel habe ich vor über einem Jahr den Song “Tränen oder Pisse” gemacht und ja der kam dann raus und in meinen Augen ist das ein Satire-Song für Verschwörungstheoretiker und dann haben halt viele Leute gedacht, ich bin ein dummer Verschwörungstheoretiker! Beziehungsweise, noch viel krasser: Ich mein Kommentare können ja auch ironisch sein. Aber das war echt noch krasser, dass Leute gesagt haben: “Woah ja man! Endlich sagt hier mal jemand die Wahrheit!” Man muss sich damit abfinden, dass man nicht verstanden wird. Das ist so wie bei Edgar Wasser und “Bad Boys”. Da haben halt Leute drunter geschrieben: “Yeah man, endlich sagt hier mal jemand, diese scheiß Weiber sollen nicht rappen!” Und ich glaube auch, dass es viele Leute einfach auch Ernst meinen, weil die das nicht begreifen. Das sind dann irgendwelche 17-jährige Vollidioten, die irgendwo in der Provinz leben. Aber das ist auch ok. Aber wie gesagt, man muss sich damit abfinden und am besten auch keine Kommentare lesen.”

Soundkartell: Ja ich glaube das große Problem ist, dass es wie bei dir sehr komplex ist. Wenn ich jetzt zum Beispiel den Song von OK KID “Gute Menschen” nehme, der jetzt ja rauskam…(Fatoni unterbricht)

Fatoni: “Jaa klar! Klar ey. Nichts gegen OK KID. Ich fand’s auch gut, dass sie den Song gemacht haben, ich habe mich auch gefreut, dass jetzt alle sowas machen. Ich bin da nicht so: “Oah jetzt will jeder politisch sein” oder so. Ich sehe das eher positiv, dass die Leute da was machen. Aber trotzdem: Das ist ein Song, den würde ich einfach nicht schreiben. Der ist mir viel zu eindimensional. Oder zweidimensional (lacht). Der hat halt keine zweite Ebene! Und auch das Video! Ich hab’ jetzt mit einem Kumpel das Video geschaut und das ist ja auch voll gut gemacht! Aber der Kumpel meinte die ganze Zeit so, das ist halt auch so ein Videotyp: “Boah warte auf’s Ende!” Und ich dann so: “Boah, bringt er seine Schwester um oder was? Aaahja, boah. Ey wer hätte das gedacht? Krasses Ende, voll der Twist und ouh jetzt habe ich Gänsehaut!” Mein Kumpel war dann voll beleidigt, aber das war halt so: Ja klar! Was soll denn auch anderes passieren? Aber ist auch egal, das ist halt Pop da kann man sich nicht drüber aufregen. Manchmal ist Pop halt so und manchmal eben so. Also ich hate die wirklich nicht.”

Soundkartell: Ja das ist halt auch schwierig. Weil nehmen wir jetzt mal “32 Grad”. Ich zeige das Video zum Beispiel meinem Bruder und dann, nehmen wir mal den Worstcase: Ich zeig das hier meinem Institutsleiter, der davon gar keine Ahnung hat. Der weiß dann wahrscheinlich nicht, ob er lachen soll.

Fatoni: “Ja, aber der muss das doch checken! Er ist doch ein Akademiker!”

Soundkartell: Ja checken wird er es schon. Aber er lacht halt wahrscheinlich nicht drüber…

Fatoni: “Er muss ja auch nicht lachen! Mir ist es lieber, dass es die Leute begreifen und nicht lachen. Die Leute müssen nicht lachen. Das Lachen soll den Leuten ja im Hals stecken bleiben. Das finde ich halt interessant.”

Soundkartell: Was mir im Pop derzeit auffällt, ist das Schwarz-Weiß Denken bei Acts wie Wanda oder Annenmaykantereit und ich mich dann immer frage woher das kommt…

Fatoni: “Ja das sind halt Hypes. Und die Leute wollen sich dann immer so entscheiden. Das hab’ ich auch nie verstanden. Ich arbeite auch immer daran, dass mir Acts egal sind. Dass man nicht gleich hassen muss oder sie lieben. Aber mir sind auch viele egal, glaube ich.

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