Feature: Antje Schomaker „30€“

Track-Feature Antje Schomaker „30€“

Antje Schomaker neue Single „30€“ im Review und Interview; Fotocredit: Jeanette Sophie

Mit ihrer neuen Single „30€“ öffnet Antje Schomaker ein Kapitel, das schmerzhafter kaum sein könnte – und zugleich für viele Menschen erschreckend vertraut sein dürfte. Der Song ist die zweite Vorabveröffentlichung ihres kommenden Albums „Liebes Tagebuch,“ und zeigt die Hamburger Singer-Songwriterin so kompromisslos ehrlich wie vielleicht nie zuvor. Was zunächst wie die Geschichte über ein fehlendes Ticket für den Abiball klingt, entpuppt sich als viel tiefere Auseinandersetzung mit emotionaler Vernachlässigung, familiären Verletzungen und dem Mut, sich endgültig von einer schmerzhaften Vergangenheit zu lösen.

Im Gespräch wird schnell deutlich, dass die titelgebenden 30 Euro nie das eigentliche Thema waren. Vielmehr stehen sie symbolisch für all die Momente, in denen ihr Vater nicht präsent war – obwohl er physisch da gewesen wäre. Der Abiball, Theateraufführungen, musikalische Erfolge oder erste Konzerte: Anerkennung oder Stolz habe sie von ihm nie erfahren. Diese Erfahrungen seien bereits in früheren Songs unterschwellig eingeflossen, erklärt Schomaker, doch erst für ihr drittes Album habe sie den Mut gefunden, die Geschichte ohne Umschweife zu erzählen. „Ich war bereit für rigorose Ehrlichkeit und klare Grenzen“, sagt sie.

Besonders eindringlich wirkt dabei die zentrale Zeile des Songs: „Du bist für mich kein Vater, du bist nur ein Mann, der mich nie lieben konnte.“ Eine Formulierung, die keine Versöhnung sucht, sondern einen Schlussstrich zieht. Für Schomaker war dieser Moment vor allem befreiend. Heute könne sie zwar nachvollziehen, dass hinter dem Verhalten ihres Vaters eigene Verletzungen und ungelöste Traumata steckten. Doch Verständnis bedeute nicht automatisch Vergebung. Entscheidend sei für sie die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen – und genau diese habe sie vermisst. Daraus entstand die Erkenntnis, dass Abgrenzung kein Zeichen von Härte, sondern von Selbstfürsorge sein kann.

Gerade darin unterscheidet sich „30€“ von vielen anderen persönlichen Songs über Familie. Während Popmusik häufig Versöhnung oder Vergebung als emotionales Ziel zeichnet, stellt Schomaker dieses Narrativ bewusst infrage. Nicht jede Geschichte ende mit einer Entschuldigung, erklärt sie. Manche Menschen warteten ihr Leben lang auf Anerkennung oder Einsicht – oft vergeblich. Deshalb wolle sie zeigen, dass man Frieden auch finden könne, ohne vergeben zu müssen. „Wir dürfen sagen: Das, was du gemacht hast, war falsch“, sagt sie. Diese Haltung verleiht dem Song eine besondere Kraft und dürfte vielen Menschen aus der Seele sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Musikalisch unterstreicht die Reduktion die Intensität der Geschichte. Die minimalistische Instrumentierung entstand eher intuitiv als geplant. Den fertigen Text brachte Schomaker mit ins Studio, wo Produzent Malte Kuhn spontan eine Akustikgitarre spielte. Schnell war klar, dass genau diese Zurückhaltung dem Song den nötigen Raum gibt. Selbst die später ergänzten Schlagzeugspuren tragen diese emotionale Offenheit in sich – nicht zuletzt, weil Schlagzeuger Max Schneider während der Aufnahme selbst von der Geschichte berührt wurde.

„30€“ ist gleichzeitig auch ein Schlüsselstück für das kommende Album „Liebes Tagebuch,“ das persönliche Erinnerungen, Wut, Befreiung und neue Zuversicht miteinander verbindet. Schomaker beschreibt den kreativen Prozess als Spiegel ihrer eigenen Entwicklung. Natürlich würde sie ihre früheren Songs heute anders schreiben, sagt sie – weil sie selbst heute ein anderer Mensch sei. Diese Veränderung spiegelt sich auch im neuen Material wider: ehrlicher, reflektierter und konsequenter als je zuvor. Am meisten bewegt die Reaktion ihres Publikums. Seit der Veröffentlichung erreichen sie zahlreiche Nachrichten von Menschen, die sich in dem Song wiederfinden. Viele hätten ihr geschrieben, dass sie sich zum ersten Mal mit ihren Erfahrungen nicht mehr allein fühlten. Genau das sei ihr größter Wunsch gewesen: Betroffenen das Gefühl zu geben, dass ihre Verletzungen real sind, ihre Gefühle berechtigt und sie sich Liebe – auch die ihrer Eltern – niemals verdienen müssen.

Mit „30€“ veröffentlicht Antje Schomaker weit mehr als eine autobiografische Ballade. Es ist ein Song über emotionale Selbstbestimmung, über den Mut, Grenzen zu setzen, und über die Erkenntnis, dass Heilung manchmal nicht durch Vergebung entsteht, sondern durch die Entscheidung, sich selbst an erste Stelle zu setzen. Gerade deshalb dürfte „30€“ zu den eindrucksvollsten und wichtigsten deutschsprachigen Songs dieses Jahres gehören.

Das ganze Interview mit Antje Schomaker liest du jetzt hier:

„30€“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte, die für viele Menschen dennoch erschreckend nachvollziehbar sein dürfte. Wann hast du gemerkt, dass genau dieses Erlebnis und diese 30 Euro irgendwann zu einem Song werden mussten?

Antje Schomaker: „Es geht ja im Song nicht um ein konkretes Erlebnis und die 30€ sind eher in einem Nebensatz einer Aufzählung erzählt. Ich zähle nacheinander Situationen auf, in denen mein Vater nicht anwesend war, obwohl er im selben Haus gewohnt hat. Mir ging es nicht um Geld, sondern darum, was dahinter steckt. Er hat meine Erfolge nie gefeiert, egal ob Abi, die Hauptrolle im Theaterstück, der 1. Platz bei „Jugend musiziert“, meine ersten Konzerte, das alles war ihm nichts wert. Das Thema hat sich schon häufiger subtil in meine Songs geschlichen, ich war bei meinem 3. Album aber bereit für rigorose Ehrlichkeit und klare Grenzen.“

Im Refrain singst du: „Du bist für mich kein Vater, du bist nur ein Mann, der mich nie lieben konnte.“ Das ist eine unglaublich klare und konsequente Aussage. War das Schreiben dieses Songs für dich ein schmerzhafter Prozess oder vielmehr ein Moment der Befreiung?

Antje Schomaker: „Es ging mir im Refrain darum anzuerkennen, dass er sich nie lieben konnte und mich nie lieben wollte. Ich glaube, ich verstehe heute besser, woher vieles kommt und welche eigenen Verletzungen dahinterstehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles entschuldigen muss. Für mich liegt der entscheidende Unterschied darin, ob jemand bereit ist, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Sich Hilfe zu suchen. Sich zu reflektieren. An sich zu arbeiten, damit die eigenen Wunden nicht an die nächste Generation weitergegeben werden. Genau diese Bereitschaft hat mir gefehlt und das meine ich mit der Zeile „mich nie lieben wollte“. Denn wenn man seine Kinder wirklich lieben und ihnen ein guter Vater oder eine gute Mutter sein möchte, dann versucht man alles, um das eigene Trauma nicht weiterzugeben. Für mich war diese klare Abgrenzung sehr befreiend und ich hoffe, dass mein Song auch anderen Menschen das Gefühl geben kann, dass sie Grenzen setzen dürfen, ohne sich dafür schuldig zu fühlen.“

Oft erzählen Songs von Versöhnung oder Vergebung. „30€“ geht bewusst einen anderen Weg und spricht von Abgrenzung und Selbstschutz. Wie wichtig war es dir, genau diese Perspektive sichtbar zu machen – gerade auch für Menschen, die auf eine Entschuldigung oder Anerkennung vergeblich gewartet haben?

Antje Schomaker: „Mir war das sehr wichtig. Ich finde, wir erzählen oft die Geschichte, dass am Ende alles wieder gut werden muss. Dass Familie immer Familie bleibt und man nur genug verzeihen muss. Aber das ist nicht für alle die Wahrheit. Manche Menschen warten ihr ganzes Leben auf eine Entschuldigung oder darauf, dass ihre Eltern Verantwortung übernehmen und manchmal passiert das einfach nicht. Ich wollte zeigen, dass auch Abgrenzung ein liebevoller Schritt sein kann. Nicht gegen den anderen, sondern für sich selbst. Jemandem zu verzeihen macht uns nicht zu einem besseren Menschen, wir müssen nicht vergeben, um inneren Frieden zu finden. Wir dürfen sagen: das, was du gemacht hast war falsch und hat mir Schmerz zugefügt, damit lebe ich und damit musst du auch leben. Wir können damit abschließen, ohne das Verhalten zu entschuldigen, wofür der Andere keine Schuld eingesteht.“

Musikalisch wirkt „30€“ fast schon zurückgenommen und minimalistisch. Hattest du von Anfang an das Gefühl, dass dieser Song genau diesen ruhigen Rahmen braucht, damit die Worte ihre volle Wirkung entfalten können?

Antje Schomaker: „Den Text hatte ich tatsächlich schon fertig geschrieben, ohne musikalisches Gerüst. Ich wollte ihn eigentlich alleine fertig schreiben, aber als ich dann mit Malte Kuhn im Studio war, mit dem ich das Album produziert habe, hat er angefangen, die Akustikgitarre zu spielen. Ich hab den Text darüber ausprobiert, weil ich Malte mittlerweile echt vertraue und hab gemerkt: das passt. Und dann ist der Song so aus mir rausgeflossen. Ich wollte Max Schneider, meinen Schlagzeuger, noch Drums dazu einspielen lassen. Er hat selbst 3 Söhne und er hat beim Spielen auch eine Träne verdrück. Ich finde man hört, dass da viel Emotion drin steckt. Generell arbeite ich musikalisch sehr intuitiv. Ich setze mich nie hin und überlege, welches Instrument welche Emotion besonders gut transportiert oder wie viel Raum bestimmte Worte brauchen. Ich probiere Dinge aus und merke ziemlich schnell, ob es sich richtig anfühlt.“

Dein kommendes Album „Liebes Tagebuch,“ scheint viele Kapitel deiner Vergangenheit noch einmal aufzuschlagen. Hat dich das Schreiben dieser Songs auch verändert? Gibt es Themen, mit denen du heute anders umgehen kannst als noch vor einigen Jahren?

Antje Schomaker: „Ich glaube, dass wir uns alle mit den Jahren verändern. Das hoffe ich zumindest 🙂 Wir sollten alle mit Mitte 30 anders mit Themen umgehen, als mit Mitte 20, sonst wären wir ganz schön unreflektierte Menschen, die sagen „so bin ich halt, so mache ich das immer schon“ und dann werden wir ein Mensch, über den man irgendwann Songs wie „30€“ schreibt. Ich liebe meine ersten Alben, ich bin total stolz auf die Lieder, die ich geschrieben habe, trotzdem würde ich sie natürlich heute anders schreiben, weil ich ein anderer Mensch bin. So wird es in 4-8 Jahren wahrscheinlich auch sein, wenn ich auf „Liebes Tagebuch,“ zurückblicke 🙂 „

„30€“ ist ein sehr intimer Song, gleichzeitig dürfte er vielen Hörer aus dem Herzen sprechen. Was wünschst du dir, dass Menschen aus diesem Stück mitnehmen – insbesondere diejenigen, die ähnliche Erfahrungen mit ihren Eltern oder ihrer Familie gemacht haben?

Antje Schomaker: „Ich wünsche mir, dass sie sich weniger allein fühlen. Ich habe nach der Veröffentlichung unglaublich viele Nachrichten bekommen von Menschen, die geschrieben haben: „Ich war lange so traurig und einsam“ Oder: „Ich habe noch nie jemanden darüber singen hören, dein Song hilft mir, mich weniger allein gelassen zu fühlen.“ Das hat mich sehr berührt. Wenn der Song irgendetwas schaffen kann, dann hoffentlich dieses Gefühl: Deine Erfahrungen sind real. Deine Gefühle sind berechtigt. Du musst dir Liebe nicht verdienen, auch nicht von deinen Eltern. Wenn du eine gesunde Distanz zu ihnen aufbaust, bist du nicht undankbar, sondern Du sorgst für Dich selbst.“

 

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