Feature: Tim Vicia „Kein Schmerz von dir“
Befreiung im Beat – Tim Vicia „Kein Schmerz von dir“ ist sein bisher klarstes Statement
Am 20. März erschien mit „Kein Schmerz von dir“ die neue Single von Tim Vicia – und selten klang ein Abschied so entschlossen. Der Indie-Pop-Künstler aus dem Rheinland, der in den vergangenen Jahren vor allem mit melancholisch-hoffnungsvollen Bedroom-Tracks auf sich aufmerksam machte, dreht diesmal die Perspektive: weg vom Aushalten, hin zum aktiven Loslassen.
Der Titel ist Programm. „Du sollst nicht länger Urheber meines Schmerzes sein.“ Ein Satz wie ein Schlussstrich – oder, wie er selbst sagt, fast ein Manifest. Doch entstanden ist der Song nicht aus einem plötzlichen Wutanfall, sondern aus einem langen, schmerzhaften Prozess. „Es geht um eine echte toxische Beziehung, die ich selbst wirklich so erlebt habe“, erzählt Tim. Jahrelang habe er gezweifelt, sich selbst die Schuld gegeben, seinem Bauchgefühl misstraut. „Ich habe oft gedacht, dass ich das Problem bin.“ Erst als er lernte, seine innere Warnung ernst zu nehmen, gelang der Schritt in die Freiheit.
Tanzbarer Befreiungsschlag
Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Thema, sondern seine klangliche Umsetzung. Statt schwerer Ballade setzt Tim Vicia auf Tempo, auf Aufbruch, auf pulsierende Indie-Pop-Beats. „Ich wollte keine schwere Abhandlung zu diesem Thema, sondern einen Sound schaffen, der Mut macht“, sagt er. „Du darfst feiern, du darfst stolz auf dich sein, wenn du dich von etwas Ungesundem lösen konntest.“
„Kein Schmerz von dir“ ist damit mehr als ein Trennungssong – es ist ein Befreiungssong. Einer, zu dem man tanzen kann, während man innerlich Ketten sprengt. Die gesteigerten BPM, die energetischen Beats und die bewusst weniger getragenen Melodien setzen ein klares Signal: Schmerz darf da sein – aber er definiert dich nicht. Wer Tim Vicias Diskografie kennt, weiß, dass Zerbrechlichkeit stets ein zentraler Bestandteil seiner Musik war. Seine Songs wirkten wie intime Tagebucheinträge, eingesungen im Schutzraum seines Schlafzimmers – diesem kreativen Ort, an dem seine charakteristische „Dreamo“-Symbiose entsteht: melancholisch, träumerisch, aber immer hoffnungsvoll.
„Kein Schmerz von dir“ markiert nun eine Weiterentwicklung. „Der Prozess der wahrhaftigen Trennung war auf jeden Fall eine persönliche Weiterentwicklung“, sagt er. „Es ist erschreckend, wie hilflos man sich fühlen kann.“ Der Song fungiere deshalb auch als Mahnung an sich selbst: „Pass auf, dass dir das nicht nochmal passiert.“
Der Perspektivwechsel – vom Aushalten zum aktiven Beenden – sei alles andere als leicht gewesen. „Es fühlte sich an, als würde ich das erste Mal seit langer Zeit wieder frische Luft atmen“, erinnert er sich. Selbst therapeutischer Rat habe ihn zunächst nicht erreichen können. „Dieser Vorgang muss von dir selbst ausgehen.“
Bedroom-Energie mit neuem Drive
Dass ein solcher Aufbruchssong im intimen Setting eines Schlafzimmers entsteht, wirkt zunächst widersprüchlich. Doch genau hier liegt die Stärke von Tim Vicia: Die Energie entsteht nicht durch große Studiokulissen, sondern aus innerer Bewegung. „Dieser Coping-Mechanismus hat eher in mir selbst stattgefunden“, erklärt er. Zusammen mit seinem Producer setzte er diesmal stärker auf energetische Beats statt auf schwebende Melodiebögen. „Das hat im Studio echt Spaß gemacht und ganz eigene Energien freigesetzt.“
Das Ergebnis ist Indie Pop mit Haltung. Lebensbejahend, aber nicht naiv. Emotional, aber nicht weinerlich. Ein Song für alle, die ihren Beziehungsschmerz nicht mehr verstecken, sondern hinter sich lassen wollen. Tim Vicia spricht seit jeher offen über mentale Gesundheit und ermutigt besonders Männer, ehrlicher über Gefühle zu sprechen. Auch „Kein Schmerz von dir“ lässt sich über die persönliche Ebene hinaus lesen. „Gerade heute, wo wir gefühlt jeden Tag vor neuen Challenges stehen, sollten wir gut aufeinander aufpassen“, sagt er. Für ihn ist Selbstwert nicht nur Privatsache, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Miteinanders.
Mit „Kein Schmerz von dir“ beweist Tim Vicia, dass Verletzlichkeit und Stärke kein Widerspruch sind. Dass man tanzen darf, während man heilt. Und dass Befreiung manchmal genau so klingt: laut, klar und voller Aufbruch.
„Kein Schmerz von dir“ klingt wie ein klarer Schnitt – fast wie ein Manifest. Gab es einen konkreten Moment in deinem Leben, in dem dieser Satz innerlich gefallen ist, oder ist der Song eher ein Prozess, der sich über längere Zeit aufgebaut hat?
Tim Vicia: „Manifest finde ich eine schöne Bezeichnung in dem Zusammenhang. Der Song oder die Idee dazu entstanden aber definitiv in einem Prozess. Es geht um eine echte toxische Beziehung, die ich selbst wirklich so erlebt habe, es ist noch gar nicht so viele Jahre her. Bis ich diesen Schritt machen konnte, mich von dieser Person zu lösen, das hat leider wirklich gedauert, weil ich mir selbst immer die Schuld an Dingen gegeben habe. Ich habe stark gezweifelt und habe oft gedacht, dass ich das Problem bin. Mein Bauchgefühl hatte mich
aber die ganze Zeit gewarnt, bis ich irgendwann gelernt habe, das ernst zu nehmen. Es war
eine harte Zeit, aber ich bin daran gewachsen.“
Du beschreibst den Track als UpTempo-Song mit Aufbruchsstimmung, obwohl es um eine toxische Beziehung geht. Warum war es dir wichtig, den Befreiungsmoment tanzbar zu machen – statt ihn melancholisch zu inszenieren?
Tim Vicia: „Ich wollte keine schwere Abhandlung zu diesem Thema, sondern einen Sound schaffen, der
Mut macht. Zu dem du abgehen kannst, wenn dir dein Befreiungsschlag endlich gelungen ist. Du darfst feiern, du darfst stolz auf dich sein, wenn du dich von etwas ungesundem lösen konntest! Dieses Gefühl zu erzeugen, war mir bei diesem Track sehr wichtig. Ich hoffe, dass der Vibe auf die Fans übergehen wird.“
In deinen bisherigen Songs war oft viel Zerbrechlichkeit spürbar. „Kein Schmerz von dir“ wirkt dagegen entschlossener, fast kämpferisch. Würdest du sagen, dass dieser Song auch eine persönliche Entwicklung von dir widerspiegelt?
Tim Vicia: „Der Prozess der wahrhaftigen Trennung war auf jeden Fall eine persönliche Weiterentwicklung, ja! Es ist echt hart, in welchen Situationen man sich manchmal man sich selbst plötzlich wiederfinden kann. Man hält sich vielleicht oft für abgeklärt oder denkt sich ‚mir passiert sowas nicht‘. Nur um dann festzustellen, wie hilflos man sich fühlen kann, es ist echt erschreckend. „Kein Schmerz von dir“ fungiert deshalb auch als Mahnung an mich selbst: ‚Pass auf, dass dir das nicht nochmal passiert!“
Der Titel sagt klar: „Du sollst nicht länger Urheber meines Schmerzes sein.“ Wie schwer war es, diesen Perspektivwechsel im echten Leben umzusetzen – vom Aushalten zum aktiven Beenden?
Tim Vicia: „Oh, es war sehr schwer. Wie gesagt, ich habe meinem Gefühl oft selbst nicht vertraut und
mir eingeredet, ich sehe Gespenster. Ich war wie paranoid. Aus dieser Hilflosigkeit rauszukommen und für sich selbst einzustehen, ist aber ein Vorgang, der von dir selbst ausgehen muss, finde ich. Es hilft nicht viel, wenn andere Leute dir sagen ‚Du musst da raus!‘. Selbst auf meine Psychotherapeutin habe ich damals leider zuerst nicht gehört… Irgendwann habe ich es dann geschafft und es fühlte sich an, als würde ich das erste Mal
seit langer Zeit wieder frische Luft atmen.“
Deine Musik entsteht im Schlafzimmer, in einem sehr intimen Raum. Wie hat sich dieser intime Produktionsansatz auf einen Song ausgewirkt, der so viel Aufbruch und Energie transportiert? Musstest du soundästhetisch neue Wege gehen?
Tim Vicia: „Eine interessante Frage. Stimmt, der ruhige und intime Ort des eigenen Schlafzimmers passt
erstmal gar nicht so sehr zu dieser kraftvollen Hymne. Trotzdem gingen diese Gegebenheiten irgendwie gut Hand in Hand. Dieser Coping-Mechanismus hat eher in mir selbst stattgefunden und das hat sich durchs Einsingen irgendwie ganz gut transportiert. Zum Sound: Neben den gesteigerten bpm haben mein Producer und ich diesmal nicht mit getragenen Melodien gespielt, sondern mit energetischen Beats. Das hat im Studio echt Spaß gemacht und dann nochmal ganz eigene Energien freigesetzt. Ich war selbst immer gespannt darauf, was dann als nächstes passiert!“
Du sprichst oft darüber, Männern Mut zu machen, offener über Gefühle zu sprechen. Hat „Kein Schmerz von dir“ für dich auch eine gesellschaftliche Dimension – gerade wenn es um Selbstwert, emotionale Abhängigkeit und toxische Dynamiken geht?
Tim Vicia: „Ich mag freie Interpretationsspielräume in Songs. Wenn das möglich ist, haben bestimmte
Tracks immer etwas ganz besonderes, finde ich! Insofern, ja, kann man das natürlich auch auf gesellschaftliche Missstände umlenken. Gerade heute, wo wir gefühlt jeden Tag vor neuen Challenges stehen, sollten wir gut aufeinander aufpassen. Es wird immer wichtiger, füreinander einzustehen und die Demokratie verteidigt sich auch nicht von alleine, da sind wir alle gefragt!“
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