Feature: sanna frankie
sanne frankie – Ein Debüt zwischen Chaos, Wut und radikaler Ehrlichkeit
Am 28. Februar veröffentlicht die Wiener Künstlerin sanna frankie ihr Debütalbum „cerberus“ – und legt damit ein Werk vor, das sich nicht hinter Metaphern oder vorsichtigen Formulierungen versteckt. Es ist ein Album über das Chaos des Lebens: das Erwachsenwerden, das Ringen mit der eigenen Psyche, Identitätsfragen, Liebe, Wut und Selbstermächtigung. Vor allem aber ist es ein Album, das radikale Ehrlichkeit als künstlerisches Prinzip versteht.
Bereits mit ihrer EP „a room with a canvas“ (2023) machte sanna frankie in der Wiener Musikszene auf sich aufmerksam. Ihre Mischung aus Indie Pop und Alternative RnB brachte ihr Playlistenplatzierungen und eine wachsende Community ein. Es folgten Songwriting-Camps, Festivalauftritte und erste Auszeichnungen – doch „cerberus“ ist mehr als nur der nächste Karriereschritt. Es ist ein bewusst gesetztes Statement.
Interessant ist, dass die Idee zum Album bereits feststand, bevor alle Songs geschrieben waren. „Mir war tatsächlich klar, dass ich dieses Album machen möchte, bevor ich überhaupt alle Songs, die jetzt drauf sind, geschrieben habe“, erzählt sie. Das Konzept: Chaos. Große Emotionen, innere Kämpfe, das Großwerden und der Umgang mit einer Welt, die oft überfordert. „Es hat sich richtig angefühlt, so viele meiner Emotionen, die ich als schwer und groß empfinde, hineinzupacken und sie auch auf mich zukommen zu lassen.“ Die Songs seien „nach der Reihe eingetrudelt“ – und hätten das Album geformt.
Im Zentrum steht die Figur des Cerberus – nicht als mythologisches Monster, sondern als innerer Wächter. Für sanna frankie ist er eine Metapher für ihre Derealisation, einen Schutzmechanismus, der Distanz schafft, wenn Emotionen zu überwältigend werden. Diese Figur begleitete sie durch den gesamten Schreibprozess: „Bei manchen Songs war er ein Gegner, der mich mental herausgefordert hat. Manchmal war er einfach nur da und hat nicht gestört. Und ein Teil von mir ist er schon lange.“ Ob dieser Wächter notwendig ist, bleibt eine offene Frage – besonders, wenn man versucht, dem eigenen Gehirn zu erklären, dass dieser Schutz vielleicht gar nicht mehr gebraucht wird.
Diese Ambivalenz prägt „cerberus“. Songs wie „venom“ rechnen mit strukturellem Sexismus ab, „feel it coming“ macht die Bedrohungserfahrung von FLINTA*-Personen körperlich spürbar, „for me“ gibt Einblicke in Neurodivergenz und das Gefühl von Fremdheit in einer lauten Welt. Gleichzeitig erzählen Tracks wie „red paint“, „you and i“ oder „gemini“ von toxischer Liebe, falscher Hoffnung und dem Wunsch nach Loslassen.
Dass all diese Themen so unverstellt auf dem Album stehen, war für die Künstlerin kein beiläufiger Schritt. „Ein bisschen gruselig war es allemal so ehrlich zu sein“, sagt sie. „Aber für mich war von Anfang an klar, dass das nur mit dieser Ehrlichkeit funktionieren kann.“ Sie selbst schätze es sehr, wenn andere Künstler:innen so offen sprechen – vor allem, weil es dieses Gefühl von Einsamkeit, das viele neurodivergente Menschen kennen, für einen Moment auflösen könne. Wenn ihre Songs genau das bei jemandem bewirken, „hab ich alles richtig gemacht“.
Musikalisch bleibt „cerberus“ dabei erstaunlich facettenreich. Intime Balladen stehen neben tanzbaren Tracks mit bitterem Unterton. Besonders bei „fucked up“ traf sie eine bewusste Entscheidung: „Da wollte ich einen tanzbaren Song machen, um den Frust, der uns einengt, gemeinsam für einen Moment wegzutanzen – und ihn dann aber auch wieder aufzugreifen, weil es wichtig ist, nicht wegzuschauen.“ Meistens jedoch entscheidet nicht der Kopf über die Form eines Songs, sondern die Emotion selbst. Sie gibt vor, ob ein Stück leise bleibt oder körperlich nach vorne geht.
Auch ihre Erfahrungen als Songwriterin für andere Künstler:innen haben sie geprägt. Doch wenn es ausschließlich um ihre eigene Geschichte geht, entsteht eine andere Intensität: „Wenn ich einen Weg finde, eine Emotion genau so zu beschreiben, wie ich sie fühle, ist das ein magisches Gefühl. Danach kann ich richtig durchatmen.“
Mit „cerberus“ geht sanna frankie nun einen großen Schritt nach vorne. Ihre Erwartungen formuliert sie weniger in Zahlen oder Erfolgsmaßstäben, sondern in Gefühlen: „Ich möchte eine kleine eigene Welt schaffen. Für Menschen, die stark fühlen und vielleicht manchmal nicht wissen, wohin damit.“ Das Gefühl, das sie selbst erlebt, wenn sie die richtigen Worte für eine Emotion gefunden hat – diese Leichtigkeit, diesen Durchatmer – genau das möchte sie weitergeben.
„cerberus“ ist kein Album, das Chaos ordnet oder einfache Lösungen anbietet. Es macht das Durcheinander sichtbar, hörbar und greifbar. Gerade darin liegt seine Kraft: im Mut, alles zuzulassen – Wut, Verletzlichkeit, Überforderung und Hoffnung. Ein Debüt, das nicht nur konfrontiert, sondern verbindet.
„cerberus“ ist dein erstes Album und wirkt gleichzeitig sehr geschlossen und konzeptionell. Wann war für dich klar, dass diese Songs zusammengehören und ein Debütalbum ergeben müssen – und kein weiteres loses Kapitel?
sanna frankie: „Mir war tatsächlich klar, dass ich dieses Album machen möchte, bevor ich überhaupt alle Songs, die jetzt auf dem Album sind, geschrieben habe. Mein Konzept für das Album war Chaos, also vor allem große Emotionen, das Großwerden und das Kämpfen mit der eigenen Psyche. Da hat es sich irgendwie richtig angefühlt so viele meiner Emotionen, die ich als schwer und groß empfinde, hineinzupacken und sie auch auf mich zukommen zu lassen. Sie sind alle nach der Reihe eingetrudelt und haben das Album geformt.“
Der Titel cerberus steht für einen inneren Wächter, einen Schutzmechanismus. Wie hat dich diese Figur durch den Schreibprozess begleitet – eher als Gegnerin, Beobachterin oder notwendiger Teil von dir selbst?
sanna frankie: „Es treffen alle drei auf eine Art und Weise zu. Bei manchen Songs war er ein Gegner, der mich mental herausgefordert hat. Manchmal war er einfach nur da und hat nicht gestört. Und ein Teil
von mir ist er schon lange und hat mich somit auch beim Schreibprozess meines Albums begleitet. Ob er wirklich notwendig ist, ist schwierig zu beantworten. Wenn man mit Derealisation lebt ist man viel damit beschäftigt den eigenen Körper zu überzeugen, dass dieser Schutzmechanismus eben genau nicht notwendig ist. Aber das Gehirn lässt sich ja leider nicht immer so leicht umstimmen.“
Viele Songs auf dem Album sind radikal persönlich und thematisieren Themen wie Derealisation, Neurodivergenz, Wut und Selbstermächtigung. Gab es beim Schreiben Momente, in denen du gezögert hast, so offen zu sein – oder war diese Ehrlichkeit von
Anfang an gesetzt?
sanna frankie: „Ein bisschen gruselig war es allemal so ehrlich zu sein, aber für mich war es von Anfang an klar, dass das nur mit dieser Ehrlichkeit funktionieren kann. Mein größter Anstoß war einfach, dass ich das selbst so schätze, wenn das wer tut und mir vielleicht diese gewisse Einsamkeit, die man als neurodivergente Person stark fühlen kann, für einen Moment nehmen kann. Wenn das für jemanden mit meinen Songs funktioniert hab ich alles richtig gemacht.“
Dein Sound bewegt sich zwischen intimen Balladen und tanzbaren, fast ironisch-leichten Tracks. Wie entscheidest du im Songwriting, welche Emotion Raum bekommt – und ob ein Song eher leise oder körperlich funktionieren soll?
sanna frankie: „Das ist etwas was ich normalerweise nicht aktiv entscheide. Es kommt immer auf die Emotion an, die gerade präsent ist und die die Verarbeitung durchs Songschreiben fordert. Nur bei ‚fucked up‘ war es tatsächlich eine aktive Entscheidung einen tanzbaren Song zu machen, um den Frust der uns einengt gemeinsam für einen Moment wegzutanzen. Und ihn dann aber auch wieder gemeinsam aufzugreifen, weil es wichtig ist nicht wegzuschaun.“
Du hast in den letzten Jahren viel als Songwriterin gearbeitet, in Camps geschrieben und für andere mitgedacht. Was war beim Schreiben von cerberus anders, wenn es ausschließlich um deine eigene Geschichte ging?
sanna frankie: „Ich steck viel Liebe in alles was ich schreibe, aber wenn es zu 100% um meine Emotionen geht oder wie bei ‚feel it coming‘ und ‚gemini‘ eine geteilte Emotion und ich finde einen Weg diese genau so wie ich sie fühle mit Worten zu beschreiben: Das ist einfach so ein magisches Gefühl, was mich dann danach richtig durchatmen lässt.“
Mit dem Album gehst du nun einen großen Schritt nach vorne. Welche Erwartungen verbindest du mit diesem Debüt – und was wünschst du dir, dass Menschen fühlen oder vielleicht sogar loslassen, wenn sie cerberus hören?
sanna frankie: „Ich möcht eine kleine eigene Welt schaffen. Für Menschen die stark fühlen und vielleicht manchmal nicht wissen wohin damit. Das Gefühl was ich habe, wenn ich die richtigen Worte gefunden hab für eine Emotion/einen Song – so möcht ich, dass sich die Menschen fühlen, wenn sie meine Songs hören.
Diese Leichtigkeit, diesen Durchatmer. Es ist ein riesen Schritt und ich bin so dankbar den machen zu können. Freu mich auf alles was noch auf mich zukommt.“
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