Feature: Reverend Stomp

Reverend Stomp: Rohes Momentum zwischen Wüstensand, Sumpf und Realität

Reverend Stomp im Interview und Feature zum neuen Album „Mescalero Ranger“; Fotocredit: Johannes Wimmer

Reverend Stomp sind eine Band, die man nicht erklären, sondern erleben möchte. Spätestens mit ihrem zweiten Album Mescalero Ranger wird klar, dass es hier nicht um Stiletiketten oder Trends geht, sondern um Haltung, Energie und einen Sound, der aus dem Moment heraus lebt. „Swamp Surf“ nennen sie das selbst – eine raue, verschwitzte Mischung aus Blues, Garage Rock, Desert-Vibes und Surf-Attitüde, gespeist aus der musikalischen Geschichte der südlichen USA und gefiltert durch eine kompromisslos eigene Perspektive.

Das Album klingt wie ein Sommer, der sich nicht an Jahreszeiten hält: elf Songs, die Hitze, Staub und Bewegung atmen. Dass Mescalero Ranger live im Studio aufgenommen wurde, ist kein ästhetischer Kniff, sondern Konsequenz. Für Reverend Stomp ist Authentizität untrennbar mit Momentum verbunden. Fehler dürfen passieren, Zufälle sind willkommen. Einige der zentralen Stücke – darunter der Titeltrack oder „Rambling Rogue“ – entstanden direkt im Studio aus Jams heraus und waren innerhalb weniger Tage geschrieben, eingespielt und aufgenommen. Musik als Momentaufnahme, nicht als kontrolliertes Konstrukt.

Diese Arbeitsweise ist eng mit dem Selbstverständnis der Band verknüpft. Ein „perfekter Take“ definiert sich für Reverend Stomp nicht über makelloses Timing oder polierte Oberflächen, sondern über spürbare Emotion. Die Euphorie, die beim gemeinsamen Spielen entsteht, soll hörbar bleiben – auch wenn das bedeutet, Ecken und Kanten stehen zu lassen. Ein stärker produzierter Ansatz könnte vieles glätten, aber genau das interessiert die Band nicht. Was zählt, ist der nicht reproduzierbare Augenblick.

Inhaltlich zeigt sich Mescalero Ranger reflektierter als frühere Veröffentlichungen. Songs wie „Honeymoon Is Over“ markieren jene Lebensphasen, in denen Illusionen bröckeln und Ideale hinterfragt werden. Diese Themen sind nicht strategisch geplant, sondern ergeben sich fast zwangsläufig aus dem Älterwerden. Während frühere Texte noch stark aus der Perspektive der Zwanziger entstanden, spiegeln die neuen Songs Erfahrungen aus den frühen Dreißigern: ein anderes Bewusstsein für Verantwortung, für den eigenen Platz in der Welt, für Desillusionierung – und für eine gewisse Radikalität im Denken. Es ist kein Zynismus, sondern ein klarerer Blick.

Trotz der tiefen Verankerung in musikalischen Traditionen wirkt Reverend Stomp nie nostalgisch. Der Respekt vor Blues, Surf und Rock’n’Roll speist sich aus einer echten Liebe zu diesen Genres und ihren Protagonisten, nicht aus dem Wunsch, Vergangenes zu reproduzieren. Die Balance entsteht aus Vertrauen in den eigenen Musikgeschmack und einem spielerischen Zugang zum Songwriting. Reverend Stomp kopieren nicht – sie kombinieren, transformieren und machen sich das Material zu eigen.

Was sich im Laufe der Jahre verändert hat, ist weniger der Kern der Band als vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn leben. Auch wenn Zeit und Geografie es heute schwieriger machen, ständig gemeinsam zu musizieren, finden sie schnell zurück in ihren gemeinsamen Modus: viel Lachen, viel Blödsinn, viel Musik. Dieses Bandgefüge trägt den Sound ebenso wie jede stilistische Entscheidung.

Der Blick nach vorn ist dabei klar: Natürlich wünschen sich Reverend Stomp ein größeres Publikum, doch niemals um den Preis ihrer musikalischen Integrität. Ihre Musik ist bewusst nischig – und genau darin liegt ihre Stärke. Für 2026 gilt: kompromisslos bleiben, jede Chance nutzen, die sich bietet, und weiter Musik machen, die zuerst sie selbst bewegt. Denn nur dann, davon sind sie überzeugt, kann sie auch andere erreichen.

Mescalero Ranger ist kein Album für den Hintergrund. Es ist ein Werk voller Energie, Ehrlichkeit und rohem Charme – ein Beweis dafür, dass Rock’n’Roll auch heute noch lebendig ist, wenn man ihn nicht zähmt, sondern laufen lässt.

Euer Sound ist stark von eurer Live-Energie und eurem selbstbetitelten „Swamp Surf“ geprägt. Wie hat diese klare musikalische Identität den Schreib- und Aufnahmeprozess des neuen Albums beeinflusst, und wann hattet ihr das Gefühl, dass die Songs wirklich fertig sind?

Reverend Stomp: „Da wir in unserer Band, sehr großen Wert auf Authentizität und Momentum legen, versuchten wir das so gut wie möglich umzusetzen, indem wir unsere Songs des neuen Albums als Live-Takes im Studio einspielten. Das schöne daran ist, es gab Platz für Zufälle und Spontanität, so war es z. B. bei dem Titelsong „Mescalero Ranger“ oder auch  „Rambling Rogue“; beide wurden komplett im Studio geschrieben und entstanden durch einen Jam. Sie waren dann innerhalb von zwei Tagen geschrieben, eingespielt und aufgenommen.“

Viele der neuen Stücke – etwa „Honeymoon Is Over“ – handeln von Momenten, in denen Illusionen bröckeln und Realität einsetzt, sowohl in Beziehungen als auch im Leben allgemein. Sind diese Themen während des Songwritings organisch entstanden oder habt ihr euch bewusst entschieden, diesmal tiefer und reflektierter zu schreiben?

Reverend Stomp: „Ich glaube die Themen sind auf das Alter zurückzuführen. Die Songs des ersten Albums und der EP sind in meinen 20ern entstanden. Bei „Constant Road“ war ich 26 als ich den Text dazu geschrieben habe. Jetzt sind die meisten Lieder aus dem Anfang meiner 30er und man kommt eben zu vielen Einsichten und Erkenntnissen in genau dieser Zeit, man hinterfragt seinen Idealismus, seine Naivität und den Platz den man einnimmt in dieser Welt. Ich z. B. Bin radikaler geworden.“

Ihr habt das Album live im Studio aufgenommen, um die rohe Dynamik eurer Shows einzufangen. Was gibt euch diese Arbeitsweise als Band, das ein stärker durchproduzierter Ansatz nicht leisten könnte?

Reverend Stomp: „Die Freiheit Fehler zuzulassen und einen nicht rekonstruierbaren Moment zu erschaffen. Ich erinner mich daran als wir „Mescalero Ranger“ zusammen geschrieben haben und dann nicht aufhören konnten ihn zu spielen, weil unsere Euphorie über den Song so groß war. Diese Euphorie ist in der Dynamik spürbar und diese ist auch beim Hören spürbar. Ein stärker produzierter Ansatz könnte natürlich helfen das Timing perfekter aufzunehmen oder durch Postproduktion richtig zu stellen, aber die Emotion ginge verloren. Zum Glück sind wir uns als Band einig, dass unsere Definition eines „perfekten Takes“ nicht in der fehlerfreien Ausführung liegt.“

Ihr lasst euch stark von der Musikgeschichte der südlichen USA inspirieren und schafft es dennoch, nicht nostalgisch zu klingen. Wie findet ihr die Balance zwischen Respekt vor musikalischen Traditionen und dem Wunsch, euren Sound weiterzuentwickeln?

Reverend Stomp: „Schwierig zu erklären, ich glaube es fällt auf das Vertrauen auf den eigenen Musikgeschmack zurück. Man hat sich viel mit dieser Art der Musik auseinander gesetzt und wurde musikalisch geprägt. Eine große Liebe zu diesen Genres bringt automatisch den Respekt einher, aber nicht nur zur Musik, sondern auch zu den Künstlern, die dahinter stehen.“

Wenn ihr auf euren bisherigen Weg zurückblickt – von den ersten Konzerten bis zur Entwicklung eines eigenen Genres – was fühlt sich heute innerhalb der Band am deutlichsten anders an als zu Beginn von Reverend Stomp?

Reverend Stomp: „Ich könnte nicht behaupten dass wir ein eigenes Genre erfunden haben, es ist lediglich eine Kombination aus schon bestehendem, es ist mehr ein eigener Stil, wenn man es so betrachten möchte. Aber das was uns dazu gebracht hat unseren eigenen Sound zu kreieren kommt von unserem spielerischen Zugang Musik zu schreiben. Eine Eigenschaft, die wir nicht verlernt haben, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit haben wie am Anfang zusammen zu musizieren aus verschiedenen terminlichen und örtlichen Gründen, finden wir trotzdem wieder schnell in unseren „Modus Operandi“: Viel Lachen, viel Blödsinn reden und viel zusammen musizieren.“

Mit dem neuen Album im Rücken: Welche Erwartungen und Hoffnungen habt ihr für das Jahr 2026? Geht es euch eher um größere Bühnen und neue Zielgruppen oder darum, euch weiterhin kompromisslos auf eure eigene Art weiterzuentwickeln?

Reverend Stomp: „Also wenn es uns rein um eine größere Zielgruppe gehen würde, dann würden wir wohl nicht so nischige Musik spielen. Natürlich ist unser Anspruch ein größeres Publikum zu erreichen, aber immer nur mit den Parametern die unsere musikalische Intigrität zulässt. Wir sind der Auffassung, dass Musik nur bewegen kann, wenn es in erster Linie die Authoren des Songs selbst bewegt. Also ja musikalisch kompromisslos, aber jede Chance die sich bietet mitnehmen.“

 

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