Feature: Pina Palau
Pina Palau Feature zum Album
Am 27. Februar veröffentlicht Pina Palau ihr drittes Album „You Better Get Used To It“ – ein Werk, das sich wie ein klingendes Tagebuch liest. Zwischen Heartbreak und Verliebtheit, zwischen wütender Leichtigkeit und neu gewonnener Ruhe erzählt die Zürcher Musikerin von dem, was zwischen Menschen oft unausgesprochen bleibt: Geständnisse, Widersprüche, Fragen. Es ist ihr bislang direktestes Album – musikalisch roher, textlich unverstellter, emotional näher dran.
Entstanden sind die Songs an unterschiedlichsten Orten: im eigenen Schlafzimmer, im Wohnzimmer von Simon Borer, mit ihren langjährigen Weggefährten Mario Hänni und Vojko Huter, im Berliner Butterama Studio über einer Autogarage gemeinsam mit Freddy Corazzini und Antonia Estelle. Gemischt wurde in Winterthur, gemastert in Paris. Doch so vielfältig die Orte auch sind – im Zentrum steht stets das Gefühl. Musikalisch bewegt sich die Platte zwischen folkiger Intimität und emotionaler Indie-Rock-Direktheit. Wo früher noch Metaphern schützten, spricht Palau heute klarer. Songs wie „Outdoor Guy“ tragen eine rohe Energie, während „Euphoria“ zur stillen, beinahe schwebenden Essenz des Albums wird. Das Herzstück „You See Me“ kreist um das Gefühl, wirklich gesehen zu werden – eine Erfahrung, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Platte zieht.
Im Gespräch erzählt Pina Palau von Angst, die verschwunden ist, von der Suche nach Klarheit – und von der besonderen Intimität des Live-Moments.
„You Better Get Used To It“ wirkt wie ein sehr offenes, fast tagebuchartiges Album. Was hat sich in deinem künstlerischen Selbstverständnis verändert, dass du dich diesmal so direkt und unverstellt zeigst?
Pina Palau: „Der Prozess, der zu diesem Album geführt hat, war, dass ich jeden Morgen aufgestanden bin und als Erstes geschrieben habe, ohne Plan und ohne Bewertung. Vieles kam aus einem so unbewussten Ort,
dass ich mich später nicht mehr daran erinnern konnte, dass ich diese Sätze geschrieben hatte. Daraus ist für mich ein Schatz aus Inhalten entstanden, aus dem ich das Album formen konnte. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass wir uns alle viel ähnlicher sind, als wir manchmal denken, und dass viele Menschen am Ende an denselben Dingen hadern. Je ehrlicher man mit all dem umgeht, desto verbindender fühlt es sich an. Sich zu verstecken fusst oft auf Angst, was absolut nachvollziehbar ist. Aber irgendwie habe ich diese Angst nicht mehr.“
Die Songs sind an sehr unterschiedlichen Orten entstanden – vom Schlafzimmer über Berliner Studios bis hin zu Sessions mit Freund:innen. Wie hat dieses fragmentierte Arbeiten den Sound und die Emotionalität des Albums geprägt?
Pina Palau: „Ich glaube eigentlich nicht, dass es eine grosse Rolle spielt, an welchem konkreten Ort die Songs
entstanden sind. Entscheidend ist für mich vielmehr, dass ein Ort etwas mit mir macht. Er muss sich speziell anfühlen, einmalig, aufregend, ganz intim oder einfach irgendwie lebendig. Wenn ich an die Songs denke, die in Berlin entstanden sind, wie Euphoria oder Outdoor Guy, versetzt mich das sofort zurück ins Studio Butterrama über der Autogarage, wo wir mit Freddy Corrazini gearbeitet haben. Ich sehe die Tage im Studio, die Pausen, in denen wir mit Old-School-Hip-Hop zum Pizza-Corner gefahren sind. Diese kleinen Momente abseits der Musik sind mindestens so wichtig wie die Arbeit an den Songs selbst. Gleichzeitig hat auch mein Schlafzimmer eine ganz eigene Bedeutung. Dort bin ich ganz bei mir, fühle mich am wohlsten und am nächsten an mir selbst. Auch das ist eine Emotion, aus der etwas entstehen kann. Am Ende ist es nicht der Ort, der zählt, sondern das Gefühl, das man aus ihm schöpft.“
Musikalisch bewegst du dich stärker in Richtung roher Indie-Rock-Direktheit, während die Lyrics bewusst auf Metaphern verzichten. War das Loslassen von Verschlüsselung ein befreiender Schritt oder auch ein riskanter?
Pina Palau: „Das Risiko wird mir tatsächlich erst jetzt bewusst, während ich die Interviewfragen beantworte ☺ Beim Schreiben der Songs setze ich mich kaum damit auseinander, wie offen oder angreifbar sie später wirken könnten. In diesem Moment versuche ich vielmehr, ganz bei mir zu bleiben und die Songs so festzuhalten, wie sie sich gerade anfühlen, ohne den Blick auf mögliche Reaktionen von aussen. Das geht so weit, dass ich mir beim Schreiben bewusst offenlasse, ob ein Song später überhaupt veröffentlicht wird. Diese Entscheidung soll einem späteren Moment gehören. Dass die Texte heute direkter und weniger verschlüsselt sind, hat wohl weniger mit einer bewussten Entscheidung gegen Metaphern zu tun, sondern eher damit, dass ich selber klarer geworden bin. In den letzten Jahren habe ich versucht, genauer wahrzunehmen, wie sich Dinge für mich anfühlen, und mich weniger an gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen anderer zu orientieren. Vielleicht kommt diese Klarheit in den Lyrics an, weil sie auch in mir stärker vorhanden ist.“
„Euphoria“ steht auf dem Album für eine neue Ruhe und ein anderes Vertrauen in dich selbst. Ist dieser Song eher ein Zielzustand – oder ein Zwischenstand in einem weiterhin offenen Prozess?
Pina Palau: „Euphoria ist für mich tatsächlich der Song, der mir selbst am nächsten kommt. Ich habe das Gefühl, dass das die Musik ist, die eigentlich in mir spielt. Das schliesst nicht aus, dass es auch eine andere, vielleicht ekstatischere Seite von mir gibt, aber Euphoria ist eher der klassische Schlafzimmer-Song. Er ist auch genau dort entstanden: Die Perspektive im Song ist die, dass ich im Schlafzimmer sitze und aus dem Fenster schaue. Es ist der Song, an dem ich am längsten gearbeitet habe. Als das Album schon fast fertig war und sich trotzdem noch keine wirkliche Zufriedenheit eingestellt hatte, bin ich am Ende noch einmal nach Berlin zurückgereist und wir haben den Song komplett neu aufgenommen. Rückblickend hat sich dieser Aufwand gelohnt. Euphoria ist ein Song, bei dem es mir gelungen ist, die ursprüngliche Vision über den gesamten Prozess hinweg nicht aus den Augen zu verlieren und jetzt fühlt er sich einfach nach mir an.“
Im März gehst du mit Band auf deine erste EU-Tour. Wie übersetzt du dieses sehr intime Album in den Live-Kontext – und was wünschst du dir, dass das Publikum nach einem Konzert mit nach Hause nimmt?
Pina Palau: „Live-Konzerte sind für mich immer noch eines der erstaunlichsten Erlebnisse überhaupt, egal ob ich im Publikum stehe oder selbst auf der Bühne bin. Der Moment, der dabei entsteht, ist einmalig und vergeht wieder. Er lässt sich nicht speichern, nicht festhalten, nicht fotografieren oder aufnehmen. Man kann ihn nur erleben, genau in diesem Augenblick. Wenn sich alle darauf einlassen, entsteht ganz automatisch eine grosse Intimität.“
Viele Songs kreisen um Beziehungen, Nähe und das, was unausgesprochen bleibt. Gab es während des Schreibens einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass sich dein Blick auf Liebe und Verbundenheit gerade grundlegend verschiebt?
Pina Palau: „Je mehr ich über Liebe nachdenke, desto weniger weiss ich eigentlich, was sie ist. Und doch gibt es keine Zweifel mehr, wenn sie da ist, auch dann nicht, wenn man sie gerade überhaupt nicht gesucht hat. Ja, so ein Moment habe ich beim Schreiben auch erlebt.“
Live 2026
06.03. CH-Bern, ISC
07.03. CH-Zürich, Bogen F
16.03. Hannover, Lux
17.03. Berlin, Kulturhaus Insel
18.03. Hamburg, Nochtwache
20.03. München, Milla
21.03. AT-Wien, Club Lucia
24.03. F-Paris, Supersonic
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